Das ambivalente Verhältnis zu Gewalt bei engagierten linken Jugendlichen

  • Wolfgang Kühnel Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
  • Helmut Willems Université du Luxembourg
Schlagworte: Jugend, Politischer Protest, Politische Gewalt, Neue soziale Bewegungen

Abstract

Linke Protestgruppen und Bewegungsakteure weisen unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Definition und Legitimität von Gewalt auf. Während manche Gewalt grundsätzlich ablehnen, kann sie von anderen strategisch eingesetzt und von dritten wiederum als ein legitimes Mittel angesehen werden. Gleichwohl tritt gewaltförmiges Handeln im Rahmen von Protesten eher selten auf. Wird Gewalt strategisch eingesetzt, so entwickelt sich d as Eskalationsinteresse bei Protestakteuren meist erst im Verlauf der Auseinandersetzung und ist u. a. von den vorhandenen Ressourcen und Gelegenheitsstrukturen abhängig. Haben Protestgruppen nicht die Möglichkeit, ihr Anliegen über institutionalisierte Partizipationsformen einzubringen oder fehlen ihnen dazu die strukturellen oder finanzi­ellen Möglichkeiten, sind sie auf das Erlangen von Aufmerksamkeit durch spektakuläre Ereignisse angewiesen. Gewalt dient auch der Selbsterfahrung und der Selbstermächti­gung, dem Austesten eigener Grenzen oder der Befriedigung von Abenteuerlust. Die Ergebnisse einschlägiger Jugendstudien weisen darauf hin, dass politisch motivierte Gewalt nur von einem sehr kleinen Teil der Jugendlichen ausgeübt wird. In den meisten Fällen ist Gewalt nicht die Folge intentionalen Handelns, sondern Ergebnis eines interakti­ven Geschehens zwischen Demonstranten und Polizei.

Der Beitrag geht der Frage nach, welche Bedeutung Gewalterfahrungen mit der Polizei und Konfrontationen mit rechtsextremen Gruppen für das politische Engagement von links-affinen Jugendlichen haben und wie sich entsprechende Erfahrungen auf das Engagement im biografischen Verlauf auswirken. Inwiefern führt die subjektive Verarbeitung von Gewalt-ereignissen zu einer Radikalisierung, zu einer ambivalenten Positionierung gegenüber Gewalt oder aber zu einer Distanzierung vom Engagement?

Die empirische Basis des Beitrags bilden 35 problemzentrierte Interviews in ost- und west-deutschen Groß- und Mittelstädten. Die Auswahl der Befragten erfolgte nach Alter (15 bis 28 Jahre), Gruppen/Szenezugehörigkeit (engagiert in einer linksaffinen Bewegung oder Gruppe) und politischer Selbstverortung (Selbstbeschreibung als linksaffin).

Literaturhinweise

della Porta, D. 2002: Gewalt und die Neue Linke. In W. Heitmeyer, J. Hagan (Hg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: Springer VS, 479–500.
Eckert, R., Willems, H. 1993: Politisch motivierte Gewalt. In Informationszentrum Sozialwissenschaften der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftliche Institute e.V. (Hg.), Gewalt in der Gesellschaft. Eine Dokumenation der sozialwissenschaftlichen Forschung seit 1985. Bonn, 7–57.
Eckert, R. 2012: Die Dynamik der Radikalisierung. Über Konfliktregulierung, Demokratie und Logik der Gewalt. Weinheim: Juventa.
Fuchs, D. 1991: The Normalization of the Unconventional Forms of Political Action and New Social Movements. In G. Meyer, F. Ryzka, (Eds.), Political Participation and Democracy in Poland and West-Germany. Warschau: Wydawca, 148–165.
Galtung, J. 1978: Der besondere Beitrag der Friedensforschung zum Studium der Gewalt: Typologien. In K. Röttgers, H. Saner (Hg.), Gewalt. Grundlagenprobleme in der Diskussion der Gewaltphänomene. Basel/Stuttgart: Schwabe, 9–32.
Hillebrand, K., Zenner, K., Schmidt, T., Kühnel, W., Willems, H. 2015: Politisches Engagement und Selbstverständnis linksaffiner Jugendlicher. Wiesbaden: Springer VS.
Hoffmann-Holland, K. 2010: Analyse der Gewalt am 1. Mai 2009 in Berlin. Triangulierte kriminologische Studie. Forschungsbericht. Freie Universität Berlin. FB Rechtswissenschaft. Lehrstuhl für Kriminologie und Strafrecht. Berlin. http://www.jura.fu-berlin.de/fachbereich/einrichtungen/strafrecht/lehrende/hoffmannholland/projekte/1_mai_studie_berlin/Forschungsbericht_2010-1.pdf (letzter Abruf 12.02.2017).
Hutter, S., Teune, S. 2012: Deutschlands Protestprofil im Wandel. Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament, 62. Jg., Heft 25–26, 9–17.
Kreissl, R., Sack, F. 1998: Framing. Die kognitiv-soziale Dimension von sozialem Protest. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 11. Jg., Heft 4, 41–54.
Kühnel, W., Willems, H., Hillebrand, K., Schmidt, T., Zenner, K. 2016: Gesellschaftskritische Orientierungen Jugendlicher in linksaffinen Protestbewegungen. In J. Lüdtke, C. Wiezorek (Hg.), Jugendpolitiken. Wie geht die Gesellschaft mit „ihrer“ Jugend um? Weinheim und Basel: Beltz Juventa, 230–249.
Luhmann, N. 1972: Rechtssoziologie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Matuschek, I., Krähnke, U., Kleemann, F., Ernst, F. 2011: Links sein. Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Mayring, P. 2002: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. Weinheim: Beltz.
Neidhardt, F. 1986: Gewalt – Soziale Bedeutungen und sozialwissenschaftliche Bestimmungen des Begriffs. In V. Krey, F. Neidhardt (Hg.), Was ist Gewalt? Auseinandersetzungen mit einem Begriff. Wiesbaden: Bundeskriminalamt, 109–147.
Pabst, A. 2012: Ziviler Ungehorsam. Annäherung an einen umkämpften Begriff. Aus Politik und Zeitgeschichte, 62. Jg. , Heft 25, 23–29.
Roth, R. 2013: Weltweite Proteste – in Deutschland bleibt es (noch) ruhig. DJI impulse Nr. 103, Heft 3, 11–13, http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bulletin/d_bull_d/bull103_d/DJI_3_13_Web.pdf (letzter Abruf 12.02.2017).
Rucht, D. 2002: Gewalt und neue soziale Bewegungen. In W. Heitmeyer, J. Hagan (Hg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden: Springer, 461–478.
Schneekloth, U. 2010: Jugend und Politik. Aktuelle Entwicklungstrends und Perspektiven. In M. Albert, K. Hurrelmann, G. Quenzel, TNS Infratest Sozialforschung (Hg.), Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 129–164.
Stöss, R., Backes, U., Jaschke, H.-G. 2011: Streitgespräch zum Thema Linksextremismus. In U. Dovermann (Hg.), Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 291–318.
Waschkuhn, A. 1985: Aggression und Gewalt im Licht der Friedens- und Konfliktforschung. In A. Schöpf, (Hg.), Aggression und Gewalt. Anthropologisch-sozialwissenschaftliche Beiträge. Würzburg: Königshausen und Neumann, 273–289.
Willems, H. 1992: Jugendprotest, die Eskalation der Gewalt und die Rolle des Staates. In W. Heitmeyer, K. Möller, H. Sünker (Hg.), Jugend – Staat – Gewalt. Politische Sozialisation von Jugendlichen, Jugendpolitik und politische Bildung. Weinheim, München: Juventa, 219–231.
Witzel, A. 2000: Das problemzentrierte Interview. Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, Volume 1, Heft 1, Art. 22. http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/%201132/2519 (letzter Abruf 12.02.2017).
Zinn, H. 1968: Disobedience and Democracy. New York: South Press.
Veröffentlicht
2017-09-21
Rubrik
Ad-Hoc: Politisch-weltanschauliche Extremismen im Jugendalter