Editorial

  • Sina Farzin

Abstract

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
»I have no universal cure for the ills of sociology. A multitude of myopias limit the glimpse we get of our subject matter. To define one source of blindness and bias as central is engagingly optimistic. Whatever our substantive focus and whatever our methodological persuasion, all we can do I believe is to keep faith with the spirit of natural science, and lurch along, seriously kidding ourselves that our rut has a forward direction. We have not been given the credence and weight that economists lately have acquired, but we can almost match them when it comes to the failure of rigorously calculated predictions. Certainly our systematic theories are every bit as vacuous as theirs; we manage to ignore almost as many critical variables as they do. We do not have the esprit that anthropologists have, but our subject matter at least has not been obliterated by the spread of the world economy. So we have an undiminished opportunity to overlook the relevant facts with our very own eyes. We can’t get graduate students who score as high as those who go into Psychology, and at its best the training the latter get seems more professional and more thorough than what we provide. So we haven’t managed to produce in our students the high level of trained incompetence that psychologists have achieved in theirs, although, God knows, we’re working on it.« [1]

Die Selbstbeschimpfung vor Publikum hat in der Soziologie eine so lange und ehrenhafte Tradition, dass es nur eine Frage der Zeit scheint bis das erste ihr gewidmete Handbuch veröffentlicht wird. Das hier zitierte Beispiel stammt aus Erving Goffmans posthum veröffentlichter ASA Presidential Address 1982, in der es ihm in wenigen Zeilen gelingt, gegen das eigene Fach und gleich mehrere Nachbardisziplinen auszuteilen. Heute spräche man neudeutsch wohl von einem rant. Dass gerade für ein plurales Fach wie die Soziologie Auseinandersetzungen um die richtige Art des Soziologisierens nicht nur zentrifugale, sondern umgekehrt auch integrative Dynamiken hervorbringen, zeigt allerdings nicht zuletzt die Bedeutung der verschiedenen großen »Streite« für die Fachidentität.

Aktuell mehren sich wieder die an eine (Fach)Öffentlichkeit gerichteten Beiträge, in denen es um die verschiedenen Arten und Weisen geht, Soziologie zu betreiben. [2] Die Gründe dieser Konjunktur sehen einige ganz grundsätzlich in der öffentlichen Auseinandersetzung um den gesellschaftlichen Stellenwert wissenschaftlicher Erkenntnisse, etwas unglücklich unter dem Label des ›Postfaktischen‹ verschlagwortet. Andere wiederum nehmen als Ausgangspunkt die wissenschaftsinternen Diskussionen, welche nicht zuletzt die Gründung einer Akademie für Soziologie begleiten. In diesem Heft werden beide Perspektiven im Rahmen eines Schwerpunkts aufgegriffen: »(Er-)Zählen – Fakten und Deutungen in einer komplexen Welt« lautete der Titel einer Podiumsdiskussion mit Daniela Grunow und Armin Nassehi, die Paula Villa und Steffen Mau im Januar in München als Public Sociology Veranstaltung für die DGS organisiert haben. Die anlässlich der Veranstaltung entstandenen Beiträge der vier AutorInnen werfen dabei einen weniger polemischen als vielmehr reflektierenden, in Teilen sogar therapeutischen Blick auf die eigene soziologische Praxis. Ihre Lektüre sei vor allem jenen vielen unter Ihnen empfohlen, die sich in unserer LeserInnenumfrage mehr Auseinandersetzung und Debatte gewünscht haben - aber auch allen, die schon immer wissen wollten, wie es der Haushalt Nassehi mit der Müllentsorgung hält.

Herzlich, Ihre
Sina Farzin 

[1] Erving Goffman 1983, The Interaction Order: American Sociological Association, 1982 Presidential Address. American Sociological Review, 48. Jg., Heft 1, 1–17, hier Seite 2.
[2] Zum Beispiel Richard Münch 2018, Soziologie in der Identitätskrise: Zwischen totaler Fragmentierung und Einparadigmenherrschaft. Zeitschrift für Soziologie, 47. Jg., Heft 1, 1–6.

Veröffentlicht
2018-07-01

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