Editorial

  • Georg Vobruba

Abstract

»Soziologen verwirren.«

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

so steht es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9. 2. 2009, S. 14), als eine Art Fazit der Rezension einer soziologischen Veröffentlichung. Ich kenne den Text (noch) nicht, vermute aber, dass es sich der Autor nicht leicht gemacht hat, weil er es sich nicht leicht machen konnte. Es geht darin um eine Soziologie des Geldes, und das ist eine komplexe Angelegenheit. Beim Rezensenten freilich erweckt der Text »stark den Eindruck«, der Autor wolle »mit seinen Ausführungen nicht verstanden werden.«

Interessant.

Interessant, weil in diesem Urteil die starke Prämisse steckt, dass Soziologie verständlich sein muss. Muss Soziologie tatsächlich verständlich sein? Diese Frage ist zu ungenau. Verstehen setzt zumindest zweierlei voraus; jemanden, der verstanden wird, und jemanden, der versteht. Verstehen findet also in einer Relation statt. Schon dieser simple Umstand verbietet es, Verständigungsprobleme nur einer Seite zuzurechnen, und erst recht: schuldhaft zuzurechnen. Die Frage ist also, wer sich wem verständlich machen muss, und wer von wem verlangen kann, verständlich zu sein. Darf ein soziologischer Text durch seine spezifische Sprache große Leserkreise ausschließen? Und umgekehrt: Wie viel Energieaufwand muss sich ein potentieller Textversteher selbst abverlangen, ehe er zum Unverständlichkeitsverdikt greift? Das verstehende Lesen von Texten ist nun mal in aller Regel mit einem gewissen Energieaufwand verbunden. Kann man sich nicht sogar Textformen vorstellen, in denen gewisse kognitive Zugangsbarrieren ein Bestanteil dessen sind, was mitgeteilt werden soll? Und schließlich: Darf man gesteigerte Verständlichkeit mit abgesenkter Präzision bezahlen?

Fragen über Fragen, mit denen ich darauf hinweisen will, dass es in der Soziologie kaum Reflexionen über das Verstehen der eigenen Textproduktion gibt. Mir fällt nur eine prominente Ausnahme ein. Hans Albert hat im »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie« mehrmals betont, dass er bezüglich dessen, was Jürgen Habermas meint, auf Vermutungen angewiesen sei und beklagt, man müsse sich in Habermas’

»Darlegungen mühsam zurechtfinden« (S. 231). Habermas wiederum nahm dies im selben Band als Anlass für den Hinweis: »Das methodisch geübte Kannitverstan trocknet eine Diskussion aus, die sich schon im Umkreis eines gemeinsam vorausgesetzten Vorverständnisses immer bewegen muß.« (S. 265f.) Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich bis heute in der philosophischen Diskussion. In der Soziologie nicht.

Versteht sich das Verständlichkeitspostulat denn tatsächlich von selbst? Niemand würde versuchen, die theoretische Physik damit zu belästigen. Sehen Sie sich das an:

Sie haben es natürlich sofort erkannt. Das ist keineswegs Physik. Theodor Geiger hat in seinen »Vorstudien zu einer Soziologie des Rechts« (hier S. 219) aus dem Jahr 1947 mit solchen Formalisierungen versucht, alte metaphysische Konnotationen rechtssoziologisch unverzichtbarer Grundbegriffe abzuschütteln. Das führt, wie er schreibt, unvermeidlich zu »einer gewissen Schwerfälligkeit des Ausdrucks und der Darstellung.« (S. 40) Eine solche Formelsprache führt deshalb zu keinen Irritationen, weil sie von vornherein nicht mit der Erwartung, allgemein verständlich zu sein, konfrontiert ist. Schon das zeigt: Das Postulat, die Soziologie müsse verständlich sein, ist keineswegs selbstverständlich.

Wenn Verständlichkeit keine selbstverständliche Tugend soziologischer Texte ist, so ist Unverständlichkeit allerdings erst recht keine. Die Zeiten, in denen komplizierte Texte eine unwiderlegbare Klugheitsvermutung für sich, Leserin und Leser darum den Grund für Nichtverstehen immer bei sich selbst zu suchen hatten, sind zum Glück lange vorbei.

Die Soziologie muss, wie jede andere Wissenschaft auch, ihren Gegenstand zerlegen. Da es die Soziologie mit sinnhaften Konstrukten der Leute in der Gesellschaft zu tun hat, bedeutet das: Die Soziologie stört die Selbstverständlichkeit von Alltagsinterpretationen sozialer Verhältnisse. Genau das wird registriert, und genau das irritiert. Soziologische Texte irritieren also nicht deshalb, weil man sie nicht, sondern weil man sie versteht. Insofern hat der Rezensent eines anderen soziologischen Buches in der Süddeutschen Zeitung (17. 2.2009) mehr als recht: Soziologen haben nicht nur, wie er schreibt, einen »Knick in der Optik«. Sie knicken auch noch die Optik anderer.

Was man in der oben erwähnten Ausgabe der FAZ noch lesen kann: Der Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin, und zwar vielleicht in »eine dieser Straßen, die nirgendwohin führen außer zu sich selbst.« Suhrkamp zieht also an einen Kreisverkehr. Doch, das hat was.

 

Ihr

Georg Vobruba

 

 

PS.:

Die beiden Bücher, deren Rezensionen ich hier erwähnt habe, sind: Hanno Pahl, Das Geld in der modernen Wirtschaft. Marx und Luhmann im Vergleich. Frankfurt a. M., New York 2009 und Niklas Luhmann, Liebe – eine Übung. Frankfurt a. M. 2008.

 

PPS:

Bitte beachten Sie den Call for Papers der Konferenz: »Strukturwandel zu Metropolen? Organisation – Kultur – Produktion.« (Seite 211ff.) Er musste kürzer ausfallen, als die Organisatoren und wir dies wollten. Platznot.

Veröffentlicht
2009-04-01

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