Kampf um Zugehörigkeit

Was die Gegner*innen der Corona-Maßnahmen antreibt und was sie über den Zustand von Demokratie und Zusammenhalt verdeutlichen

Autor/innen

  • Jonas Schmeinck Goethe Universität Frankfurt am Main
  • Ute Fischer Fachhochschule Dortmund

Schlagworte:

Corona-Maßnahmengegner*innen, Wissensallianzen, Schuldumkehr, Sinnkrise, Leistungsethik, Objektive Hermeneutik, Zusammenhalt, Demokratie

Abstract

Die Corona-Maßnahmen haben zu einer emotional aufgeheizten Auseinandersetzung um ihre Angemessenheit geführt. Diese gehört zu den aktuellen Beispielen für eine grundlegende Unzufriedenheit und Verunsicherung von wachsenden Teilen der Bevölkerung, die folgenreich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein können. Die Vehemenz der Maßnahmengegner*innen war Ausgangspunkt unserer Forschung über die Hintergründe der Ablehnung und die Gemeinsamkeit der Gegner*innen, die durch die bisher vorliegenden Untersuchungen als stark heterogene Gruppe identifiziert worden ist. Prägnantes Ergebnis: Die Maßnahmengegner*innen bilden eine neue Form der Vergemeinschaftung über ihre Allianz des „Gegenwissens“ und stiften sich dadurch eine kollektive Identität. Diese ist in der Lage einen Sinnstiftungsverlust zu kompensieren, der durch die Corona-Maßnahmen angestoßen wurde. Um diese These zu begründen, präsentiert der Beitrag ausgewählte Ergebnisse der rekonstruktiven Analysen anhand der Objektiven Hermeneutik. Untersucht wurden Dokumenten von und Interviews mit Gegner*innen der Maßnahmen in Bezug auf Form, Funktion und Folgen der Allianzbildung. Zudem werden Schlüsse gezogen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Stärkung der Demokratie und die Rolle der Soziologie.

Autor/innen-Biografien

Jonas Schmeinck, Goethe Universität Frankfurt am Main

Promovend an der Goethe-Universität mit dem Arbeitstitel: "Zwischen Eigenverantwortung und Ohnmacht – Ein neuer Blick auf die Agenda 2010 und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen“

Ute Fischer, Fachhochschule Dortmund

Professorin für Politik- und Sozialwissenschaften, Fachhochschule Dortmund

Literaturhinweise

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Veröffentlicht

29.09.2023

Ausgabe

Rubrik

Ad-Hoc: Politisierung des Wissens. Die gesellschaftlichen Grundlagen und politischen Folgen von Wissenskonflikten in polarisierten Welten