Der Skandal als Form der Zeitbindung
Zur temporalen Funktion öffentlicher Ärgernisse
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Zukunft, Systemtheorie, Skandalforschung, Öffentlichkeit, Massenmedien, Normen, ZeitsemantikenAbstract
In der Beschäftigung mit der zeitlichen Dimension von Skandalen sind vorrangig Phasen- und Prozessmodelle von Skandalverläufen vorgelegt worden, in funktionalen Betrachtungen treten abseits historischer Perspektiven temporale Charakteristika zugunsten der Fokussierung von Normen in den Hintergrund. Dabei könnten in der funktional differenzierten Gesellschaft weder unverzichtbare Normen noch einheitliche Zeitsemantiken die Gesellschaft als ganze synchronisieren oder gar integrieren. Wird durch Skandale die Verletzung notwendigerweise partieller Normen für partielle Öffentlichkeiten kommuniziert, wird die implizierte gesellschaftsweite Anschlussfähigkeit zum Problem. Insofern kann der Skandal als Form der Zeitbindung konzipiert werden, weil er durch seine Strukturbildung (Aufmerksamkeits-)Kapazitäten in der Sozial- und Sachdimension bindet. Nicht nur in den ohnehin streitbaren aufgerufenen Normen, sondern insbesondere in dieser temporal bedingten Beanspruchung sachlichen und sozialen Sinns liegt sein polemogenes Potenzial. Der Beitrag entwirft ein funktionales Verständnis der Temporalität des Skandals im Unterschied zur Norm, um den Möglichkeiten, Grenzen und Folgen von Skandalkommunikation und insbesondere der Skandalisierung der Zukunft nachzugehen.
References
Alemann, Ulrich von. 2024. Skandalkultur in Deutschland. In: Politische Skandale und politische Macht. Schriften zum Parteienrecht und zur Parteienforschung, Bd. 57, Hrsg. Sophie Schönberger und Thomas Poguntke, 101–123. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Anderson, Ben. 2010. Preemption, precaution, preparedness: Anticipatory action and future geographies. Progress in Human Geography 34:777–798.
Betz, Gregor, und Saša Bosančić, Hrsg. 2021. Apokalyptische Zeiten. Endzeit- und Katastrophenwissen gesellschaftlicher Zukünfte. Weinheim: Beltz Juventa.
Bösch, Frank. 2011. Kampf um Normen: Skandale in historischer Perspektive. In: Skandale. Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, Hrsg. Kristin Bulkow und Christer Petersen, 27–48. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Bulkow, Kristin, und Christer Petersen. 2011. Skandalforschung: Eine methodologische Einführung. In: Skandale. Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, Hrsg. Kristin Bulkow und Christer Petersen, 9–25. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Burkhardt, Steffen. 2006. Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse. Köln: von Halem.
Burkhardt, Steffen. 2011. Skandal, medialisierter Skandal, Medienskandal: Eine Typologie öffentlicher Empörung. In: Skandale, Hrsg. Kristin Bulkow und Christer Petersen, 131–156. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Dellwing, Michael. 2014. Doing Scandal: Skandal als Performativität des radikalen Beziehungsbruchs. In: Skandale zwischen Moderne und Postmoderne. Interdisziplinäre Perspektiven auf Formen gesellschaftlicher Transgression, Linguae et litterae, vol. 32, Hrsg. Andreas Gelz, Dietmar Hüser und Sabine Ruß-Sattar, 271–292. Berlin: De Gruyter.
Franck, Georg. 1998. Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München: Carl Hanser Verlag.
Gelz, Andreas, Dietmar Hüser und Sabine Ruß-Sattar. 2014. Einleitung: Skandal als Forschungsfeld – Ansätze, Konjunkturen, Leerstellen. In: Skandale zwischen Moderne und Postmoderne. Interdisziplinäre Perspektiven auf Formen gesellschaftlicher Transgression, Linguae et litterae, vol. 32, Hrsg. Andreas Gelz, Dietmar Hüser und Sabine Ruß-Sattar, 1–20. Berlin: De Gruyter.
Hitzler, Ronald. 1989. Skandal ist Ansichtssache. Zur Inszenierungslogik ritueller Spektakel in der Politik. In: Anatomie des politischen Skandals, Hrsg. Rolf Ebbighausen und Sighard Neckel, 334–354. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hondrich, Karl Otto. 2002. Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hölscher, Lucian. 2019. Future pasts: about a form of thought in modern society. Sustainability Science 14:899–904.
Joller, Stefan. 2017. Skandal! Ruf ohne Imperativ? In: Theoretische Einsichten, Hrsg. Nicole Burzan und Ronald Hitzler, 229–246. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Kaiser, Mario. 2014. Chronopolitik: Prävention & Präemption. Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis 23:48–55.
Kepplinger, Hans Mathias. 2005. Die Mechanismen der Skandalierung. Die Macht der Medien und die Möglichkeiten der Betroffenen. 2., aktualisierte Aufl. München: Olzog.
Korzybski, Alfred. 2023 [1933]. Science and Sanity: An Introduction to non-Aristotelian Systems and General Semantics, 6. Aufl. New York: Institute of General Semantics.
Koselleck, Reinhart. 1989. Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Kumlin, Staffan, und Peter Esaiasson. 2012. Scandal Fatigue? Scandal Elections and Satisfaction with Democracy in Western Europe, 1977–2007. British Journal of Political Science 42:263–282.
Leonhard, Jörn. 2014. Der Skandal im Zeitalter der Revolutionen: Frankreich 1814–1848. In: Skandale zwischen Moderne und Postmoderne. Interdisziplinäre Perspektiven auf Formen gesellschaftlicher Transgression. Linguae et litterae, vol. 32, Hrsg. Andreas Gelz, Dietmar Hüser und Sabine Ruß-Sattar, 57–78. Berlin: De Gruyter.
Luhmann, Niklas. 1972. Rechtssoziologie 1, Bd. 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Luhmann, Niklas. 1990. Risiko und Gefahr. In: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Hrsg. Niklas Luhmann, 131–169. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Luhmann, Niklas. 1991. Soziologie des Risikos. Berlin, New York: De Gruyter.
Luhmann, Niklas. 1995. Das Recht der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Luhmann, Niklas. 1996. Die Realität der Massenmedien. 2. Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Luhmann, Niklas, und Peter Fuchs. 1989. Reden und Schweigen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Manhart, Sebastian, und Thomas Wendt. 2025. Krisenlernen. Zur Andragogik der Krisenkommunikation. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung 48:65–88.
Massumi, Brian. 2015. Ontopower. War, Powers, and the State of Perception. Durham: Duke University Press.
Neckel, Sighard. 1986. Das Stellhölzchen der Macht: Zur Soziologie des politischen Skandals. Leviathan 14:581–605.
Popitz, Heinrich. 2016 [1968]. Über die Präventivwirkung des Nichtwissens. Dunkelziffer, Norm und Strafe. In: Kriminologische Grundlagentexte, Hrsg. Daniela Klimke und Aldo Legnaro, 33–46. Wiesbaden: Springer VS.
Pörksen, Bernhard, und Hanne Detel. 2012. Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Köln: von Halem.
Schönberger, Sophie. 2024. Politische Skandale und demokratische Kultur – eine Einführung. In: Politische Skandale und politische Macht. Schriften zum Parteienrecht und zur Parteienforschung, Bd. 57, Hrsg. Sophie Schönberger und Thomas Poguntke, 9–19. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Siri, Jasmin. 2014. Die Amoralität der Politik und die Moralität ihrer Skandale. In: Ethik. Normen. Werte. Studien zu einer Gesellschaft der Gegenwarten, Hrsg. Armin Nassehi, Irmhild Saake und Jasmin Siri, 173–196. Wiesbaden: Springer VS.
Siri, Jasmin, und Nils Kumkar. 2024. Skandalöse Evolution? Eine soziologische Beobachtung des politischen Skandals und seiner gewandelten medialen Form. In: Politische Skandale und politische Macht. Schriften zum Parteienrecht und zur Parteienforschung, Bd. 57, Hrsg. Sophie Schönberger und Thomas Poguntke, 31–54. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Suttner, Sebastian. 2025. ›In welcher Katastrophe leben wir eigentlich?‹. In: Apokalypse und Apathie, Hrsg. Martin Böhnert, Maria Hornisch und Annika Rink, 245–264. Bielefeld: transcript Verlag.
Thompson, John B. 2000. Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age. Cambridge: Polity Press.
Villinger, Ingeborg. 2014. Riskante Wahlverwandtschaften: Medien und Skandale. In: Skandale zwischen Moderne und Postmoderne. Interdisziplinäre Perspektiven auf Formen gesellschaftlicher Transgression. Linguae et litterae, vol. 32, Hrsg. Andreas Gelz, Dietmar Hüser und Sabine Ruß-Sattar, 293–304. Berlin: De Gruyter.
Downloads
Veröffentlicht
Ausgabe
Rubrik
License
Copyright (c) 2026 Transitionen. Verhandlungen des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Duisburg 2025

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International License.
Beiträge im Verhandlungsband des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Duisburg werden unter der Creative Commons Lizenz "Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International (CC BY-NC 4.0)" veröffentlicht.
Dritte dürfen die Beiträge:
-
Teilen: in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten
-
Bearbeiten: remixen, verändern und darauf aufbauen
unter folgenden Bedingungen:
-
Namensnennung: Dritte müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden
-
Nicht kommerziell: Dritte dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen