Zwischen Korrektiv und Konfliktfaktor

Zur Rolle von Faktenchecks in digitalen Öffentlichkeiten

Autor/innen

  • Kevin Altmann Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation image/svg+xml
  • Andreas Wenninger Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation image/svg+xml

DOI:

https://doi.org/10.21241/

Schlagwörter:

Faktencheck, Digitale Öffentlichkeit, Wissenssoziologie, Polarisierung, Desinformation

Abstract

Der im Zuge des ‚postfaktischen Zeitalters‘ diagnostizierte Autoritätsverlust wissenschaftlicher Expertise markiert eine der zentralen transitorischen Krisen gegenwärtiger Gesellschaften. Auch wenn dieser Prozess nicht erst im Online-Zeitalter und mit der Verbreitung von Fake News, Verschwörungsideologien oder Desinformationskampagnen begonnen hat, beschleunigt sich dieser im Zusammenspiel mit digitalen Plattformen und ihren dynamischen Kommunikationsformen. 

Vor diesem Hintergrund geraten professionelle Akteur:innen (Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Politiker:innen etc.) zunehmend in konfliktäre Auseinandersetzungen hinsichtlich der Interpretation, Bewertung und Einordnung von Informationen – und das nicht nur im Disput mit verschwörungsideologischen oder wissenschaftsfeindlichen Akteur:innen. Eine zentrale Rolle bei der Verteidigung von Wissen und wissenschaftlicher Autorität spielen mittlerweile Faktenchecks und Faktenchecker:innen. Ihr Bestreben ist es in der Regel, eine für Dritte (User:innen) klare Erkennbarkeit von ‚Fakten‘ (im Sinne ‚korrekter‘ Informationen) im Unterschied zu ‚Falschinformationen‘ zu erzeugen und so Desinformationen und Propaganda zu entlarven.

Genau hier setzt unser Beitrag an: Wir wollen Faktenchecks aus einer (wissens-)soziologischen Perspektive analysieren. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass Faktenchecks/-checker:innen kommunikativ als Ordnungsinstanzen im Meinungsdiskurs in Erscheinung treten und dabei Eigenlogiken etablieren, die nicht nur zur Klärung von Falschinformationen beitragen, sondern in gewisser Hinsicht auch bestehende Kontroversen und ggf. sogar Polarisierung befeuern können. Viele Informationen im Rahmen der öffentlichen Behandlung von Themen können mitunter nicht lediglich binär in Fakten vs. Falschinformationen eingeteilt werden. Häufig ist es auch nicht so einfach, beim Faktenchecken den (epistemischen, normativen …) Maßstab für ihre Beurteilung angemessen komplex mitzukommunizieren. Die Ergebnisse von Faktenchecks tragen mitunter (auch) dazu bei, Akteur:innen in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ oder in vermeintlich klare Lager zu unterteilen. Auch wenn wir Faktenchecks für ein wichtiges und unverzichtbares Instrument gegenwärtiger Online-Kommunikation halten, so ist es aus unserer Sicht ebenfalls notwendig, die mit ihnen einhergehenden (latenten) Effekte auf Online-Diskurse und ihre kommunikative Weiterverarbeitung zu verstehen. Statt Diskursqualität zu fördern, kann der performative Akt des Faktencheckens selbst zum Auslöser neuer Konfliktlinien werden. 

In unserer Fallanalyse rekonstruieren wir am Beispiel des Massakers von Butscha im Ukrainekrieg die kommunikativen Muster journalistischer Faktenchecks hinsichtlich der Darstellung der Ereignisse, der Interpretation und Einordnung der Authentizität der Leichenfunde sowie der damit verbundenen kommunikativen Folgen. Hierbei ist zu beobachten, wie nicht nur journalistische oder institutionelle Akteur:innen Faktenchecks vornehmen, sondern auch Einzelpersonen in sozialen Medien als ‚zivile Faktenchecker:innen‘ in Erscheinung treten und eigene Recherchen sowie (konträre) Deutungsversuche zu den Geschehnissen in Butscha vornehmen. Sowohl diese ambivalenten, zivilen Deutungsversuche als auch wissenschaftliche Expertise werden im Rahmen journalistischer Faktenchecks zur öffentlichen Bewertung und Beglaubigung von ‚Wahrheit‘ einbezogen und kommunikativ gerahmt. 

In ihrer spezifischen Praxis oszillieren journalistische Faktenchecks mitunter zwischen evidenzorientierter Aufklärung und latent konfliktverschärfender, polarisierender Kommunikationsform. Sie treten somit nicht nur als Korrektiv zu Desinformation, sondern auch als neue Akteur:innen und Gegengewicht im Feld digitaler Wahrheitssuche auf – mit eigenen Logiken, Strategien und Effekten.

Author Biographies

  • Kevin Altmann, Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation

    Kevin Altmann ist Doktorand an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und assoziierter Forscher am Bayerischen Forschungsinstitut für digitale Transformation (bidt) in München. Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf Wissenschaftssoziologie und Mediensoziologie, darunter digitale Partizipation,
    Akteur-Netzwerke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie Kommunikation in digitalen Öffentlichkeiten. 

  • Andreas Wenninger, Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation

    Andreas Wenninger ist Projektleiter und Forschungskoordinator für den Forschungsbereich „Kommunikation und Gesellschaft“ am Bayerischen Forschungsinstitut für digitale Transformation (bidt) in München. Seine soziologische Forschung befasst sich mit digitalen und sozialen Medien und deren Rolle bei der Gestaltung öffentlicher Kommunikation, wobei sein besonderes Interesse der Wissenschaftskommunikation und -partizipation gilt.

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Veröffentlicht

07.10.2026

Ausgabe

Rubrik

Ad-Hoc: Transitionen von Expertise | Wandel und Krise von Wissens- und Expertenkulturen? (AdH91)