Wittenberg ist nicht Paris!

Zum Einfluss der Stadt auf das Erleben von Vielfalt

Authors

DOI:

https://doi.org/10.21241/

Keywords:

Zuwanderung, migrationsbezogene Vielfalt, Diversität, Xenophobie, Wahrnehmung, Erleben, Alltag, Stadt, Kontext

Abstract

Dieser Beitrag fragt einerseits, welche Eindrücke die zunehmende Vielfalt bei Stadtbewohner*innen hinterlässt, also wie sie diese Vielfalt erleben, und andererseits, wie sich Unterschiede im Erleben urbaner Vielfalt erklären lassen, insbesondere welche individuellen Lebensumstände und Eigenschaften sowie städtischen Kontextbedingungen dieses Erleben urbaner Vielfalt beeinflussen.

Der Beitrag setzt neue Akzente, indem er urbane Diversitätserfahrungen als zu erklärendes Phänomen in den Mittelpunkt stellt. Diese Diversitätserfahrungen speisen sich aus dem alltäglichen Erleben, das sich überwiegend lokal in der bewohnten Stadt abspielt. Mit diesem Perspektivwechsel werden gleich mehrere Kritikpunkte bisheriger Studien angesprochen. Erstens werden die räumliche Gebundenheit und der Bezug auf alltägliche Gewohnheiten, d.h. die Lebenswelt der Menschen, stärker akzentuiert. Zweitens handelt es sich um Erfahrungen und gelebte Praxis aller Menschen in diversen, komplexen Gesellschaften, nicht um eine starre Insider-Outsider-Trennung zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Dies eröffnet die Möglichkeit, das Erleben zunehmender urbaner Vielfalt aus der Perspektive von allen Stadtbewohner*innen zu beschreiben. Damit gelingt eine Darstellung einer in Verschiedenheit vereinten anstatt einer polarisierten Stadtgesellschaft. Drittens wird die Eindimensionalität von xenophoben Einstellungen aufgebrochen. Da sich das Erleben urbaner Vielfalt aus mannigfaltigen Eindrücken und Begegnungen mit verschiedenen Menschen und ganz unterschiedlichen Handlungssituationen speist, wird angenommen, dass es ambivalent ist. D.h. Vorteile und Nachteile urbaner Vielfalt können von einer Person gleichzeitig und in unterschiedlichem Ausmaß erlebt werden.

Die Unterschiede im persönlichen Erleben der Vielfalt in Groß- und Mittelstädten werden einerseits durch individuelle Lebensbedingungen und andererseits durch städtische Kontexteigenschaften erklärt. Es wird nicht erwartet, dass zwischen Städten differierende Ausländeranteile eins zu eins in Diversitätserfahrungen übertragen werden, sondern dass Diversitätserleben zuvorderst ein individueller Prozess ist, in dem Werthaltungen, direkte Intergruppen-Interaktionen und verfügbare Ressourcen verarbeitet werden. Erst darüber hinaus spielt die situative Gegebenheit der jeweiligen Stadt eine Rolle. Niveau und Zunahme migrationsbezogener Vielfalt aber auch die Strukturstärke bzw. -schwäche sowie die Größe einer Stadt sind die kontextuellen Bedingungen, die sich auf Diversitätserleben auswirken sollten.

Empirisch greife ich auf Daten des Surveys Diversity Assent (DivA) zurück, der 2019/20 im Auftrag des MPI Göttingen erhoben wurde. In 20 deutschen Mittel- und Großstädten sind etwa 2900 Personen zu ihrem Diversitätserleben befragt worden. Es zeigt sich, dass vor allem individuelle Lebensumstände die Diversitätserfahrungen prägen.

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Published

2026-10-07

Issue

Section

Sektion Migration und ethnische Minderheiten und Sektion Stadt- und Regionalsoziologie: Migrations- und stadtsoziologische Perspektiven auf Ankunftsräume (Sek29)