Polizeisoziologische Perspektiven auf gesellschaftliche Transitionen

Ordnung, Konflikt und Macht in Zeiten multipler Krisen

Authors

  • Simon Egbert Bielefeld University image/svg+xml
  • Jasper Janssen Universität Bielefeld

DOI:

https://doi.org/10.21241/

Keywords:

Polizei, Ordnung, Transition, Krise, Kontrolle, Macht

Abstract

Gesellschaftliche Transitionen – seien sie ökonomischer, technologischer oder politischer Natur – markieren Phasen verdichteter Unsicherheit, in denen etablierte Ordnungen irritiert, infrage gestellt und neu ausgehandelt werden. In solchen Konstellationen rückt die Polizei in besonderer Weise ins Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit: Sie fungiert zugleich als Symbol staatlicher Stabilität, als operative Instanz im Umgang mit Krisenfolgen und als Organisation, die selbst tiefgreifenden Transformationsprozessen unterliegt. Dieser Beitrag argumentiert, dass die Polizei als Seismograf sozialer Spannungen wirkt, indem sie Proteste, Konflikte und Unruhen in operative Kategorien übersetzt und dabei Machtverhältnisse, Legitimationsmuster und Kontrollpraktiken neu konfiguriert.

Am Beispiel aktueller Entwicklungen in Deutschland analysieren wir diese Dynamiken entlang von vier Dimensionen. Erstens untersuchen wir die Rolle der Polizei als aktive Akteurin in der Corona-Pandemie, bei Klimaprotesten, im Kontext von Migration sowie in urbanen Konfliktlagen. Dabei wird deutlich, dass polizeiliches Handeln Konflikte nicht lediglich registriert, sondern diese durch situative Entscheidungen, Deutungen und Eingriffe wesentlich mitprägt. Zweitens nehmen wir Verschiebungen von Macht und Legitimation in den Blick, die mit Digitalisierung, Social Media und dem Einsatz algorithmischer Systeme einhergehen und polizeiliche Entscheidungen zunehmend strukturell vorformatieren. Drittens analysieren wir den institutionellen Wandel der Polizei in Bezug auf Organisationskultur, Diversität und Technisierung, der sich zwischen beharrenden Traditionen und Modernisierungsansprüchen bewegt. Viertens thematisieren wir die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch selektive Kontrollpraktiken und persistente Diskriminierungsmuster.

Gesellschaftliche Krisen lassen sich insofern stets auch als polizeiliche Krisen begreifen, da sie die Aushandlung des Verhältnisses von Freiheitssicherung und Freiheitsbegrenzung zuspitzen. Eine soziologische Perspektive auf Polizei macht diese Ambivalenzen sichtbar und begreift polizeiliches Handeln nicht lediglich als Reaktion auf soziale Wirklichkeit, sondern als deren aktive Mitproduktion. Im Fazit plädiert der Beitrag für eine interdisziplinär ausgerichtete Polizeiforschung, die gesellschaftliche Konfliktlinien analytisch ernst nimmt und zugleich kooperative Formate zwischen Polizei, Wissenschaft und Zivilgesellschaft stärkt. In Übergangszeiten erscheint die Polizei damit als Spiegel gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse – mit Ambivalenzen, die demokratische Ordnungen stabilisieren, aber auch unterminieren können.

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Published

2026-10-07

Issue

Section

Ad-Hoc: Polizeisoziologische Perspektiven auf gesellschaftliche Transitionen | Ordnung, Konflikt und Macht in Zeiten multipler Krisen (AdH65)