Durchschreiten, Durchkämpfen, Durchwurschteln oder Durchleiden?
Soziale Milieus im Grundschullehramtsstudium
DOI:
https://doi.org/10.21241/Keywords:
Bildungsforschung, Habitus und MilieuforschungAbstract
Vorgestellt wird ein abgeschlossenes Promotionsvorhaben: Die qualitative Studie zeigt am Beispiel des Grundschullehramts auf, wie sich herkunftsbedingte Ungleichheiten im Studium darstellen und sich in unterschiedliche Passungsverhältnisse im Umgang mit den Herausforderungen im Studienalltag übersetzen lassen. Studierende innerhalb eines Studiengangs setzen sich aus Angehörigen unterschiedlicher sozialer Milieus zusammen. Sie betreten das akademische Feld mit ungleichen Ressourcen und unterscheiden sich in ihrer kulturellen Passung (Bourdieu und Passeron 1971) zu diesem. Das Studium wird auf Grundlage des im Herkunftsmilieu erworbenen, an die Hochschule mitgebrachten Habitus verschieden wahrgenommen und angeeignet. Das akademische Feld, welches über spezifische kulturelle Anforderungen und fachkulturelle Bedingungen strukturiert ist, begünstigt bzw. erschwert die Passung bestimmter sozialer Milieus automatisch. Die folgenden Forschungsfragen bildeten den Rahmen für die Untersuchung:
(1) Aus welchen sozialen Milieus stammen Studierende im Lehramtsstudiengang Grundschule?
(2) Wie gestalten sich milieuspezifische Praxen im Studium und welche Studienstrategien kön-nen als typisch für bestimmte soziale Milieus herausgearbeitet werden?
(3) Was lässt sich abschließend aus der Untersuchung über soziale Ungleichheit im Feld der Hochschule ableiten?
Theorie: Der Ansatz der sozialen Milieus (Vester et al. 2001) und die Habitus-Theorie (Bourdieu 1982) dienen als theoretisches Fundament, um die unterschiedlichen Perspektiven der Studierenden auf den Studienalltag im Kontext ihrer Milieubezogenheit und im Zusammenhang mit sozialstruktureller Ungleichheit zu diskutieren.
Methode: Um die Habitus- und Milieuspezifität herauszuarbeiten, die den unterschiedlichen Aneignungs- und Studienstrategien zugrunde liegt, wurden vier mehrstufige Gruppenwerkstätten (Bremer 2004) mit insgesamt 24 Studierenden durchgeführt. Neben einer Gruppendiskussion visualisierten die Teilnehmenden ihre Zukunftsentwürfe mit Collagen. Die jeweiligen Gruppenwerkstätten wurden mithilfe des habitushermeneutischen Auswertungsverfahrens (Bremer und Teiwes-Kügler 2013) interpretiert und ausgewertet.
Ergebnisse: Im Anschluss an die Analyse der Gruppenwerkstätten wurden fünf Muster milieutypischer Orientierungen und handlungsleitender Motive herausgearbeitet, die an bestimmte Milieus im sozialen Raum rückgebunden wurden. Entlang der Muster werden Passungsverhältnisse im Studium verdeutlicht. Aufgezeigt wird, wie sich die im Herkunftsmilieu erworbenen habituellen Dispositionen in die verschiedenen Perspektiven auf das Studium übersetzen und sich als Konfliktlinien im studentischen Alltag ausbuchstabieren. Abschließend diskutiert wird, was sich über die Reproduktion von sozialer Privilegierung und Benachteiligung im Feld der Hochschule ableiten lässt, und die Relevanz einer kritisch-reflexiven Auseinandersetzung der künftigen Lehrkräfte mit ihrer sozialen Herkunft wird aufgezeigt.
References
Bourdieu, Pierre, und Jean-Claude Passeron. 1971. Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart: Klett.
Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bremer, Helmut. 2004. Von der Gruppendiskussion zur Gruppenwerkstatt. Münster: LIT.
Bremer, Helmut, und Christel Teiwes-Kügler. 2013. Habitusanalyse als Habitus-Hermeneutik. ZQF – Zeitschrift für qualitative Forschung 14(2):199–219.
Vester, Michael, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Herrmann und Dagmar Müller. Hrsg. 2001. Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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