Transitionen von Krieg zum Frieden ethnografisch erforschen
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Qualitative Methoden, Ethnografie, Visuelle Soziologie, Georg SimmelAbstract
Für die qualitative Erforschung von Transitionen ist es methodologisch von großer Relevanz, wie sich die vertiefte Fokussierung auf die Erforschung kleinster Details zu den größeren Fragen der Kulturbedeutsamkeit und Geschichtsträchtigkeit unserer Analysen verhält. Wie gelingt es uns, Einsichten aus der nanoskopischen Auslegung kleinster Fragmente mit den großen Fragen der Gesellschaftstheorie zu verbinden, ohne den Bogen zu überspannen? Diese Problematik unterschiedlicher „Gradierungen“ wurde bereits von Georg Simmel in seinem Aufsatz „Das Problem der historischen Zeit“ am Beispiel der Schlacht von Zorndorf thematisiert. Simmel analysierte, inwiefern sich ein größeres zusammenhängendes Ereignis zergliedern lässt, bevor es seinen „Sinn“ verliert. Damit artikuliert er ein methodisches Problem, das die Fragen von Transition, Interaktion und Geschichte aufeinander bezieht. Im Beitrag wird eine Rekapitulation dieser methodologischen Problemstellung vorgenommen, um danach zu fragen, wie sich Transitionen historischer Art qualitativ beforschen lassen, welche Methoden und Perspektivierungen und analytischen Haltungen dazu geeignet sind und wie sich qualitative Forschung mit Fragen der gesellschaftlichen Transformation verbinden lässt. Dabei wird allerdings umgekehrt vorgegangen, um zu prüfen, wie sich von Details aus Feldforschungen auf die Ebene der „großen Fragen“ gelangen lässt. Empirisch wird dies anhand des Falls der noch unabgeschlossenen Transition vom Krieg zum Frieden in Kolumbien demonstriert. Der mehr als 50 Jahre andauernde Bürgerkrieg wurde im Jahr 2016 mit der Zielsetzung beendet, einen Friedensprozess zu etablieren und eine „Normalisierung“ der gesellschaftlichen Verhältnisse zu initiieren. Auf der Basis von Feldforschungen, videografischen Daten, Interviews und Dokumentanalyse wird der Frage nachgegangen, wie viel Detailtiefe es bedarf und welche historischen und regionalen Kenntnisse erforderlich sind, um in einem derartigen Rahmen sinnvoll qualitativ forschen zu können.
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