Biographische Verortungen im Zuge der Covid-19 Pandemie
Anmerkungen zur Verwundbarkeit und Resilienz im Selbstbild von Menschen mit autoimmuner Diagnose
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Soziologie der chronischen Krankheiten, Soziologie des Selbst, Migration und Gesundheit, Narrative Methoden, Autoimmunität, Kanada, Biographische ForschungsmethodenAbstract
Das Konzept des biographischen Bruches („biographical disruption“) hat spätestens mit den 1990er Jahren einen zentralen Stellenwert in der qualitativen Sozialforschung eingenommen, speziell im Bereich der Soziologie chronischer Krankheiten, die in ihrer methodologischen Ausrichtung mit dem Symbolischen Interaktionismus, der Grounded Theory, Phänomenologie und institutionellen Ethnographie verwoben sind. Das ursprünglich von Michael Bury eingeführte Konzept dreht sich dabei um die prozessualen und symbolischen Sinnverschiebungen im Selbstkonzept von chronisch erkrankten Menschen. Aus biographietheoretischer Perspektive betrachtet, wirken sich die Ereignishaftigkeit von Diagnose und die daraus resultierenden Sinn- und Existenzkrisen mittelbar auf das individuelle Selbstbild, aber auch das soziale Selbst aus. Die Forschung hat sich rezent mit den empirischen und theoretischen Verkürzungen des Konzepts des biographischen Bruches eingehend auseinandergesetzt, sowohl in Bezug auf die vielfach kritisierte, lineare Ausrichtung von traditionellen Biographiekonzepten als auch hinsichtlich der normativen Festlegung empirisch nachweisbarer, sozial und kulturell vielfältiger Biographieentwürfe. Unser Beitrag schließt sich an diese konstruktive Kritik an und nimmt mit dem Fokus auf biographisches Erleben sowie der Relationalität von Transition(en) und biographischen Entwürfen zwei Kernthemen der Sektion Biographieforschung ins Visier.
Unser Fokus bezieht sich dabei auf den Zusammenhang zwischen sich verändernder Sozialität und der materiellen Prekarisierung von Lebenswelten, die während der Covid-19-Pandemie zu gesellschaftlichen Brüchen und Intensivierungseffekten geführt haben. Unsere Studie beruht auf 30 umfangreichen biographischen Interviews mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, sozialem Status und biographischem Werdegang, die bereits vor oder während der Pandemie mit einer autoimmunen Krankheit diagnostiziert wurden. Sie alle vereint, dass sie ihren Lebensmittelpunkt im Großraum Toronto (Kanada) haben, also einem „Hub“ von kultureller und biographischer Diversität. Unser Sample umfasst Personen unterschiedlichen Alters und sozialen Geschlechts, deren Krankheitsbiografien sich mit spezifischen Migrationsbiographien und religiös-kulturellen Lebensweisen überkreuzen.
Wenn wir das Leitmotiv des „Werdens“ biographischer Erzählungen hier zugrunde legen, dann zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen beschleunigten Veränderungsprozessen, die einerseits sowohl mit den Ereignissen einer Diagnose als auch den abrupten Verschiebungen der Pandemie einhergehen, und andererseits den langsamen, oft unsichtbaren Prozessen der Sedimentierung von Krankheit, von verändertem Selbstbild und von sozialer Verwundbarkeit. Methodologisch betrachtet, bilden biographische Interviews Reflexionsorte, in denen semantische Widersprüche zwischen biographischen Transitionen und strukturellen Transformationen verhandelbar werden. Im Zuge der Pandemie und der damit einhergehenden Diskussion um Immunität und Vulnerabilität haben sich auch Fragen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit chronisch kranker Menschen verändert. Allerdings fällt in unseren Interviews auf, dass die Teilnehmer*innen, die mitunter jahre-, wenn nicht jahrzehntelange Erfahrungen mit unberechenbaren, zyklischen Krankheitsverläufen haben, den Ausnahmecharakter der Pandemie hinterfragen. Biographische Erzählungen zeigen hier sowohl Brüche wie auch Kontinuitäten auf, die wiederum ein semantisches und erlebbares Dazwischen erfassbar machen – in anderen Worten, ein Zwischenbereich des Werdens, Reparierens und Aushandelns veränderter Lebenslagen, aus dem heraus eine Kritik gesellschaftlicher Veränderungsprozesse formulierbar wird.
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