Agency in der Ergo- und Physiotherapie mit mehrfachbeeinträchtigten Patient*innen
Ergebnisse der Videohermeneutik
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Agency, Disability, Care, Videohermeneutik, Tiergestützte Interventionen, LeibphänomenologieAbstract
Die ergo- sowie physiotherapeutische Arbeit mit mehrfachbeeinträchtigten Patient*innen erfolgt im Spannungsfeld des Dualismus Disability – Ability, weil sie einerseits – anhand normativ gesetzter Standards bzw. gesellschaftlicher Verständnisse von Behinderung – fehlende Fähigkeiten diagnostiziert und andererseits befähigen sowie bestenfalls ermächtigen soll. Für die Fachkräfte besteht die Gefahr, Vorstellungen von Vulnerabilität im Kontext von Behinderung zu reproduzieren und den Patient*innen ihre bestehende Handlungsfähigkeit abzuerkennen. In diesem Beitrag wird aufgezeigt, wie die Handlungsfähigkeit von Menschen mit Mehrfachbeeinträchtigung im wissenschaftlichen Auswertungsprozess empirischer Daten über die Einklammerung von Kontextwissen herausgestellt werden kann. Die Autor*innen haben tiergestützte Interventionen im Bereich der Ergo- sowie Physiotherapie gefilmt und das gemeinsame Handeln von Patient*in, Therapie-Tier und Fachkraft mit Hilfe der Videohermeneutik ausgewertet. In diesem Beitrag diskutieren sie zwei beispielhafte Videosequenzen, in denen die eigenen Beiträge der Patient*innen ausschließlich über die Auswertung der non-verbalen Interaktion – unter Einklammerung des Kontextwissens und damit auch des Wissens um die entsprechenden Diagnosen – sichtbar wurden. Die Autor*innen verdeutlichen die Relevanz ihrer methodischen Vorgehensweise, indem sie herausstellen, inwiefern sich die teilnehmenden Patient*innen auf ihrer Grundlage als eigeninitiativ, eigenständig und kompetent Handelnde hervorbringen konnten.
Unter Bezug auf die Leibphänomenologie Merleau-Pontys und dessen Konzept der Zwischenleiblichkeit zeigen die Autor*innen zunächst auf, wie die Körper der Akteur*innen innerhalb der untersuchten Therapie-Stunden im Zuge ihrer Bewältigung gemeinsamer therapeutischer Aufgaben zusammenwirken. Hierbei wird die Hervorbringung einer klaren Aufgabenverteilung sowie eines kompetenten Miteinander-Agierens aller Beteiligten jenseits dualistischer Zuschreibungen verdeutlicht. Abschließend heben die Autor*innen hervor, wie Transformation und Mobilisierung im Kontext von Disability durch kollektives leibliches Wissen ermöglicht werden können, indem es von den Patient*innen innerhalb ihres gemeinsamen Handelns in therapeutischen Behandlungen angeeignet und kompetent angewandt wird, sodass sie sich als handlungsfähig hervorbringen und gesellschaftlichen Zuschreibungen von Vulnerabilität widersetzen.
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