Zwischen Theorie und Praxis
Digitale Fallarbeit als reflexiver Lernraum für Professionalisierung in sozialen und gesundheitsbezogenen Berufen
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Digitale Lernprozesse, Professionalisierung, Reflexive (Lern-)RäumeAbstract
Professionelles Handeln in sozialen und gesundheitsbezogenen Berufen erfordert die integrierte Verbindung von theoretischem Wissen, praktischer Erfahrung und reflexiver Kompetenz. In der hochschulischen Ausbildung zeigt sich jedoch seit Langem ein strukturelles Theorie-Praxis-Problem: Zentrale berufspraktische Anforderungen werden überwiegend abstrakt vermittelt, während authentische Handlungssituationen nur begrenzt erfahrbar sind. Dies erschwert die Entwicklung professionsspezifischer Urteilsfähigkeit und führt zu Unsicherheiten im Umgang mit komplexen Kommunikations- und Beratungssituationen (Franz et al. 2024; Hempel et al. 2021; Diederichs und Desoye 2023).
Der vorliegende Beitrag stellt das im Rahmen von oercontent.nrw geförderte Verbundprojekt vor und diskutiert dessen Potenzial zur Förderung reflexiver Professionalisierung. DigiFall ist ein digitales, gruppenbasiertes Self-Assessment, das als Open Educational Resource konzipiert wurde und Studierenden sozialer und gesundheitsbezogener Studiengänge offensteht. Kern des Tools sind videografierte Fallszenarien mit Branching-Elementen, die realitätsnahe, häufig ambivalente Kommunikations- und Beratungssituationen abbilden. Ergänzende Materialien wie Steckbriefe und strukturierte Aufgabenformate unterstützen eine vertiefte, problemorientierte Fallbearbeitung.
Didaktisch basiert DigiFall auf den Prinzipien problemorientierten Lernens sowie auf explizit angeleiteten Reflexions- und Feedbackphasen (Claus und Wiese 2021). Die Entwicklung der Lernumgebung erfolgte in einem iterativen, empirisch fundierten Prozess unter Einbezug von Studierenden, Lehrenden und Praxisakteur*innen unterschiedlicher Professionen, um Relevanz und Anschlussfähigkeit sicherzustellen (Winkelkotte et al. 2023). Theoretisch knüpft das Konzept an Annahmen situierten und erfahrungsbasierten Lernens an, nach denen professionelle Kompetenz insbesondere in der Auseinandersetzung mit konkreten Handlungssituationen entsteht (Car et al. 2019; Lubna 2020).
Ein zentrales Merkmal von DigiFall ist der Verzicht auf dichotome richtig/falsch-Logiken. Stattdessen werden unterschiedliche Handlungsoptionen präsentiert, deren Qualität variiert. Dadurch wird professionelles Handeln als situativer Entscheidungsprozess unter Unsicherheit erfahrbar und reflexive Selbstbezüge werden systematisch angeregt. Erste qualitative Evaluationsergebnisse aus der Implementation in unterschiedlichen Lehr-/Lernsettings deuten darauf hin, dass DigiFall praxisnahe Lernprozesse, kritische Reflexion und professionsspezifische Rollenklärung unterstützt.
Gleichzeitig zeigt sich, dass die Wirksamkeit digitaler Fallarbeit maßgeblich von ihrer curricularen Einbettung und didaktischen Rahmung abhängt. DigiFall entfaltet sein Professionalisierungspotenzial insbesondere dann, wenn digitale Fallarbeit systematisch mit Reflexionsphasen verbunden und mit realen Praxiserfahrungen verschränkt wird. Der Beitrag leistet damit einen empirisch und theoretisch fundierten Beitrag zur Diskussion innovativer digitaler Lehr-/Lernformate und zur Weiterentwicklung reflexiver Lernkulturen in sozialen und gesundheitsbezogenen Studiengängen.
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