Studienabbruch, Habitus und Gesellschaftsbild in der Informatik
DOI:
https://doi.org/10.21241/Schlagwörter:
Bildungssoziologie, Ungleichheitssoziologie, HochschulforschungAbstract
Seit langem gibt es hohe Studienabbruchquoten in der Informatik an deutschen Universitäten (zuletzt: 42 % vs. 35 % insgesamt; Heublein et al. 2022, S. 1 Anhang). Aus ungleichheitstheoretischer Perspektive ist relevant, ob bestimmte soziale Gruppen überdurchschnittlich häufig von einem Studienabbruch betroffen sind. Einiges deutet darauf hin, dass nicht nur der Zugang zur Hochschule von der sozialen Herkunft abhängt (Kracke et al. 2024), sondern darüber hinaus der (Nicht-)Verbleib im Studium (Isleib 2019). Zumeist bleibt unklar, wie es dazu kommt, dass soziale Ungleichheiten bei Studienabbrüchen eine Rolle spielen und wie diese Studienabbrüche biografisch verarbeitet werden (Ausnahmen: Engels 2004; Pape et al. 2021). Diesen Fragen wird daher im Promotionsprojekt nachgegangen. Zudem wird untersucht, wie Studienstrategien und -erfahrungen mit Vorstellungen sozialer Ordnung („Gesellschaftsbildern“) zusammenhängen. Theoretisch verankert im Pierre Bourdieus (1982) Habitus-Feld-Konzept und dessen Erweiterung im Milieuansatz (Vester et al. 2001) ist die zentrale Annahme, dass Studienabbrüche auf „Passungsverhältnisse“ (Kramer und Helsper 2011) zurückzuführen sind. Nicht allen Studierenden gelingt es gleich gut, ihre Studienstrategien so zu gestalten, dass sie besser auf die Anforderungen und Konventionen der Universitäts- und Fachkultur abgestimmt sind. Das Poster präsentiert das Untersuchungsdesign des Promotionsprojektes und stellt Ergebnisse zur Diskussion, die aus 15 themenzentrierten, lebensgeschichtlich orientierten Leitfadeninterviews (einschließlich Collagen zur Erhebung des Gesellschaftsbildes) mit Studienabbrecher:innen der Informatik gewonnen wurden. Die Auswertungen erfolgten mittels der Methode der Habitushermeneutik (Bremer und Teiwes-Kügler 2013). Die dargestellten Fallbeispiele von Studienabbrecher:innen der Informatik zeigen, dass die Passungsherstellung den Studierenden Unterschiedliches abverlangt und spezifische Spannungsverhältnisse zwischen Habitus und Feld entstehen, die zu einem Studienabbruch führen. Ermöglicht wird damit ein tiefergehendes Verstehen der sozialen Mechanismen und Logiken, die hinter Studienabbrüchen stehen.
References
Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bremer, Helmut, und Christel Teiwes-Kügler. 2013. Zur Theorie und Praxis der „Habitus- Hermeneutik“. In: Empirisch arbeiten mit Bourdieu: Theoretische und methodische Überlegungen, Konzeptionen und Erfahrungen, Hrsg. Anna Brake, Helmut Bremer und Andrea Lange-Vester, 93–129. Weinheim: Beltz Juventa.
Engels, Uta. 2004. Studienabbruch als biographische Arbeit?: Eine biographietheoretische Untersuchung im Fach Sport/Sportwissenschaften. Hamburg: Verlag Dr. Kovač.
Heublein, Ulrich, Christopher Hutzsch und Robert Schmelzer. 2022. Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland. (DZHW Brief 05|2022). Hannover: DZHW.
Isleib, Sören. 2019. Soziale Herkunft und Studienabbruch im Bachelor- und Masterstudium. In: Bildungs- und Berufsverläufe mit Bachelor und Master: Determinanten, Herausforderungen und Konsequenzen, Hrsg. Markus Lörz und Heiko Quast, 307–337. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Kracke, Nancy, Ulrike Schwabe, und Sandra Buchholz. 2024. Neuer Bildungstrichter: Trotz Akademisierungsschub immer noch ungleicher Zugang zur Hochschule. (DZHW Brief 02|2024). Hannover: DZHW.
Kramer, Rolf-Torsten, und Werner Helsper. 2011. Kulturelle Passung und Bildungsungleichheit – Potenziale einer an Bourdieu orientierten Analyse der Bildungsungleichheit. In: Bildungsungleichheit revisited: Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule, Hrsg. Heinz-Hermann Krüger, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer und Jürgen Budde, 103–125. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Pape, Natalie, Kerstin Heil, Andrea Lange-Vester und Helmut Bremer. 2021. Studienzweifel und Studienabbruch als Folge kultureller Passungsverhältnisse im Hochschulalltag – Ergebnisse aus dem qualitativen Verbundprojekt „Studienabbruch, Habitus und Gesellschaftsbild“ (STHAGE). In: Studienerfolg und Studienabbruch, Hrsg. Martin Neugebauer, Hans-Dieter Daniel und Andrä Wolter, 95–125. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Vester, Michael, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann und Dagmar Müller. 2001. Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Downloads
Veröffentlicht
Ausgabe
Rubrik
License
Copyright (c) 2026 Transitionen. Verhandlungen des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Duisburg 2025

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 4.0 International License.
Beiträge im Verhandlungsband des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Duisburg werden unter der Creative Commons Lizenz "Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International (CC BY-NC 4.0)" veröffentlicht.
Dritte dürfen die Beiträge:
-
Teilen: in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten
-
Bearbeiten: remixen, verändern und darauf aufbauen
unter folgenden Bedingungen:
-
Namensnennung: Dritte müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden
-
Nicht kommerziell: Dritte dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen