Ausbildungsverbünde als Krisen-Bewältiger und krisenhafte Modelle in der dualen Berufsbildung – Analysen mit dem Instrumentarium der Soziologie der Konventionen

Regula Julia Leemann, Sandra Da Rin, Christian Imdorf

Abstract


Seit den 1990er Jahren wird das duale Berufsbildungssystem in den deutschsprachigen Ländern von Krisen-Szenarien begleitet. Es biete zu wenige Ausbildungsplätze, sei für die heutigen Jugendlichen nicht mehr attraktiv, bereite ungenügend auf die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt vor und diskriminiere Jugendliche bei der Lehrstellensuche.

Um die Qualität der dualen Berufsbildung zu garantieren, haben die verantwortlichen Behörden Ende der 1990er Jahre deshalb ein neues Modell in der dualen Berufsbildung – sogenannte Ausbildungsverbünde – lanciert, bei denen Betriebe gemeinsam Jugendliche ausbilden.

Die in der Schweiz geförderte Modellvariante setzt auf eine überbetriebliche Organisation (Leitorganisation), welche geeignete Betriebe (insbesondere KMU) für die Beteiligung in der netzwerkförmigen Ausbildung gewinnt, die Auszubildenden rekrutiert und anstellt sowie im Rotationssystem den Ausbildungsbetrieben zuweist. Die Jugendlichen werden von der Leitorganisation betreut und bei Problemstellungen unterstützt, die Ausbildungsbetriebe erhalten Hilfestellungen bezüglich ihrer Ausbildungsaufgaben und bezahlen die Leitorganisation für ihre Dienstleistungen.

Das Outsourcing von Rekrutierung und Betreuung sowie das Rotationssystem haben für die Betriebe verschiedene Unsicherheiten (z.B. Qualität und Passung der ihnen zugewiesenen Auszubildenden) und Problemstellungen (z.B. gemeinsame Betreuung von Betrieb und Leitorganisation ist störanfälliger; Auszubildende sind weniger produktiv durch kürzere Lehrzeit im Betrieb) zur Folge.

Im Beitrag gehen wir zwei Fragestellung nach:

  1. Welches sind die betrieblichen Motive für die Beteiligung im Modell Ausbildungsverbund und inwiefern sind sie eine Antwort auf die genannten 'Krisen'-Szenarien?
  2. Welche 'Krisen' entstehen in der Umsetzung des Modells?

Die einer konventionensoziologischen Sichtweise verpflichtete empirische Analyse geht dabei von der Annahme aus, dass die Betriebe sich bei der Begründung ihrer Beteiligung auf die – auf unterschiedlichen Wertigkeitsordnungen beruhenden – gesellschaftlichen Krisen-Szenarien bezüglich der Berufsbildung beziehen. Ebenso kritisieren sie die Krisenhaftigkeit des Modells, indem sie deren Qualität mit Bezug auf bestimmte Wertigkeitsordnungen monieren.

Für die empirische Untersuchung beziehen wir uns auf vier von uns untersuchte Ausbildungsverbünde in der Schweiz und analysieren Interviews, welche wir mit Vertretern von Ausbildungsbetrieben geführt haben. Im Zentrum der Analysen stehen die Begründungen der Betriebe für ihre Beteiligung beim Ausbildungsverbund sowie die Problemstellungen, die sich für sie durch die Beteiligung ergeben.  


Schlagworte


Berufsbildung; Ausbildungsverbünde; Konventionen

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