Zum Kritikpotential der Untersuchung sozialer Phänomene als ›epistemische Dinge‹

Doris Schweitzer

Abstract


Das ›epistemische Ding‹ des Wissenschaftshistorikers Jörg Rheinberger hat den Sprung aus dem Labor in die soziologische Theorie geschafft: Es wird zunehmend auf soziale und kulturelle Phänomen außerhalb der naturwissenschaftlichen Experimentalsysteme angewendet. Der Beitrag diskutiert, welche Gefahren, aber auch heuristischen Potentiale dieser Übersetzungsprozess beinhaltet. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, was eigentlich genau übersetzt wird und was in diesem Prozess verloren geht. Zu letzterem gehören das kritische Verfahren der Entwicklung des Begriffs, aber auch sein spezifisches topologische setting innerhalb der Theoriearchitektur Rheinbergers. Anschlüsse werden demgegenüber an die inhaltlichen Charakteristika des epistemischen Dings gesucht. Wird damit der Dingbegriff für die Analyse sozialer Phänomen in den Vordergrund gestellt, stellt sich die Frage, worin sein spezifisches heuristisch-kritisches Potential liegen kann. Um dies zu bestimmen, wird die Verdinglichungskritik Adornos an Durkheim als Vergleichsfolie herangezogen. Vor dem Hintergrund dieser Diskursmatrix zeigt sich nämlich zum einen, dass der kritische Einsatz des epistemischen Dings gegen ein entdinglichtes Verständnis der Soziologie gerichtet ist, wie sie sowohl in der Soziologie à la Durkheim, aber auch in der Verdinglichungskritik anzutreffen ist. Zum anderen können mit Verweis auf Adornos Ideologiekritik die Grenzen einer solchen Kritik verdeutlicht werden. Denn die Frage der Kritikwürdigkeit der sozialen Phänomene vermag das Konzept des epistemischen Dings nicht zu beantworten. Im Rahmen einer kritischen Soziologie reicht der Verweis auf die Relevanz der Dinge nicht. Hierfür bedürfte es vielmehr eine neue, andere Form eines Materialismus.   


Schlagworte


epistemisches Ding; soziologische Theorie; Verdinglichung; Materialismus

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