Überalterungsdiskurs, Solidaritätssemantiken und Alterspolitik in der Schweiz im 20. Jahrhundert – eine Beziehungsgeschichte

Matthias Ruoss

Abstract


Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, das seine staatliche Altersversicherung im Kontext des Überalterungsdiskurses eingeführt hatte: Erst 1948 stimmte die männliche Stimmbevölkerung der Alters- und Hinterlassenenversicherung zu. Der Artikel zeichnet die Formierung des Überalterungsdiskurses als Krisendiskurs nach und legt dar, wie dieser gesellschaftliche Solidaritätsforderungen popularisierte und einer Alterspolitik auf Bundesebene Vorschub leistete. Ein Vergleich mit der aktuellen Debatte soll zudem aufzeigen, welche unterschiedlichen Verwendungszwecke demografische Krisendiagnosen und -szenarien in der Sozialpolitik haben und welche politiklegitimierende Bedeutung dem Reden über (Generationen)solidarität zukommt.


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