Gesellschaftskritik und die Krise der kritischen Theorie

Jens Greve

Abstract


Der Aufsatz nimmt angesichts eines wachsenden Interesses an Gesellschaftskritik erneut die Frage nach normativen Grundlagen auf und untersucht neuere Versuche, über eine interne – an den Selbstdeutungen der Gesellschaftsmitglieder ansetzende – Kritik hinauszugelangen. Drei Probleme eines solchen Projekts werden herausgearbeitet. Erstens wird die Annahme zurückgewiesen, dass diese Kritik einen besonderen methodologischen Zugang erfordert. Selbstverständnisse lassen sich immer nur konditional kritisieren. Zweitens können vollzogene Transformationen von Selbstverständnissen ex post als Fortschritte erfahren werden – für eine Kritik an noch nicht veränderten Selbstverständnissen ergibt sich daraus aber eine bleibende Ungewissheit, welche sich zudem in dem Maße steigert, in dem die Gesellschaft im Ganzen einer solchen Kritik ausgesetzt wird. Drittens stellt sich ohne die Begründung eines normativen Maßstabs ein – unter den Bedingungen des Pluralismus wohl unausweichliches – Verallgemeinerungs­problem: Wenn sich einheitliche und widerspruchs­freie Interessen und Kriterien der Kritik in den vorgefundenen normativen Praktiken nicht ausmachen lassen, dann kann zwischen konkurrierenden Interessen und Wertorientierungen nicht begründet entschieden werden.


Schlagworte


Gesellschaftskritik; kritische Theorie; normativer Maßstab

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