Das soziale Erinnern und Vergessen vergangener und zukünftiger Naturkatastrophen

Dietmar Rost

Abstract


Der Beitrag wählt Naturkatastrophen als Gegenstand einer Reflexion über Formen und Grenzen der Vergegenwärtigung vergangener wie auch zukünftiger Krisenerfahrungen. Dabei geht er davon aus, dass Naturkatastrophen aus sozialwissenschaftlicher Sicht vor allem hinsichtlich ihrer sozialen Faktoren, Formen und Konsequenzen zu begreifen sind.

Da der Deutung dieser außergewöhnlichen Krisensituationen eine erhebliche Bedeutung zukommt, wird aus einer wissenssoziologischen Perspektive zunächst die Struktur eines aus früheren Erfahrungen konstituierten Katastrophengedächtnisses erörtert. Das Interesse richtet sich hierbei auf die Weite der Zeithorizonte, aus denen vergangene Katastrophenerfahrungen vergegenwärtigt werden, und insbesondere auf die Schwellen des Erinnerns und Vergessens, die dazu beitragen, dass Katastrophengedächtnisse vorwiegend in gegenwartsnahen Zeithorizonten verbleiben.

Die wissenssoziologische Perspektive legt darüber hinaus nahe, Katastrophenerinnerung nicht nur als ein Vergegenwärtigen von Vergangenem, sondern ebenso als Vergegenwärtigung von zukünftig Drohendem und somit als Zukunftserinnerung zu begreifen. Bezüglich dieser zukunftsbezogenen Zeithorizonte stellt sich ebenfalls die Frage nach Schwellen des Erinnerns und Vergessens von nicht Gegenwärtigem – nicht zuletzt da diese Schwellen zum Verkennen bzw. Vergessen von längerfristig wirkenden anthropogenen Beiträgen zu Naturgefahren beitragen.


Schlagworte


Naturkatastrophen; Gedächtnis; Erinnerung; Zeit; Zukunft

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