Vertrauenskrisen und der Verlust der Zuversicht. Forschungsstand und Perspektiven der soziologischen Analyse

Michael Florian

Abstract


Durch die transnationale Finanz- und Wirtschaftskrise haben Vertrauenskrisen und Verluste der Zuversicht im ökonomischen Diskurs und in der öffentlichen Diskussion in den letzten Jahren eine starke Aufmerksamkeit erfahren. Angesichts der wuchernden Krisenkommunikation über den allgegenwärtigen Verlust des Vertrauens in Wirtschaft, Politik oder Medien, in Wissenschaft, Sport oder Kultur, um nur einige publizistische Dauerkrisenherde zu nennen, stellt sich die Frage, wie die Soziologie mit der inflationären Thematisierung von Vertrauenskrisen und Gefährdungen der Zuversicht umgeht und welche Angebote sie für eine ernsthafte Analyse bereitstellt. Am Beispiel der Wirtschafts- und Organisationssoziologie, die den thematischen Schwerpunkt der Ad-hoc-Gruppe „Vertrauenskrisen“ bildeten, soll im Folgenden eine Bestandsaufnahme des Forschungsstandes und der Perspektiven der soziologischen Analyse geleistet werden. In einem ersten Schritt wird eine integrative Vertrauenskonzeption vorgestellt und eine Unterscheidung zwischen Vertrauen und Zuversicht getroffen. Daran anschließend wird die Frage erörtert, unter welchen Bedingungen die Untersuchung von Vertrauenskrisen soziologisch "brauchbar" ist und als ein besonderer Typus sozialer Prozessverläufe neue Erkenntnisse verspricht. Auf dieser Grundlage können dann wirtschaftssoziologische Arbeiten von Richard Swedberg über den Verlust der Zuversicht in Finanzkrisen kritisch gewürdigt werden. In einem abschließenden Fazit werden Probleme und weiterführende Perspektiven der soziologischen Analyse von Vertrauenskrisen und Verlusten der Zuversicht skizziert.


Schlagworte


Vertrauenskrise; Vertrauen; Zuversicht; Finanzkrise

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