Statusunsicherheit bei Eltern in der Mittelschicht?

Silke Kohrs

Abstract


Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Ausmaß an Förderaktivitäten von Mittelschichteltern acht- und zehnjähriger Kinder und wie stark bei diesen Bemühungen Statusmotive wirken und entsprechend rhetorisch präsentiert werden. Anlass für die methoden-integrative Untersuchung war das vermutete, aus sozialen Veränderungen resultierende, verstärkte Bedürfnis von Mittelschichtangehörigen nach einerseits Statuserhalt und andererseits Distinktion gegenüber Angehörigen unterer Schichten und denjenigen in gleicher sozialer Lage.

Befunde aus qualitativen (berufs)biographischen Leitfadeninterviews mit Mittelschichtangehörigen zeigen neben einer offensiven Darstellung von Förderaktivitäten ebenfalls rhetorisch abgeschwächte Ausführungen von vergleichbaren Bildungsbemühungen. Eine Sekundäranalyse mit aktuellen Umfragedaten (FiD - Familie in Deutschland/Sozio-ökonomisches Panel) bestätigt zunächst hohe Förderaktivitäten von Eltern in der Mittelschicht sowie eine Statusunsicherheit, u.a. gemessen an der Sorge um die wirtschaftliche Zukunft des Kindes. Weiterhin deutet der Befund, dass die Bildungsaspirationen der Eltern nicht in ähnlichem Umfang gestiegen sind wie deren Förderaktivitäten, darauf hin, dass größere Bemühungen notwendig sind, um das gleiche Bildungs- bzw. Statusziel zu erreichen. Die bisherige Analyse hat jedoch auch aufgezeigt, dass weitere Indikatoren notwendig sind, damit die unterschiedliche (offensive) Darstellung von solchen Bemühungen, wie sie in den Interviews herausgestellt werden konnte, auch standardisiert erfasst werden kann.


Schlagworte


Statusmotivation; Mittelschicht; Bildung; Unsicherheit; Eltern

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