Die Wachstumsdebatte – ein Thema der Umweltsoziologie?

Stephan Lorenz

Abstract


Schon zu den älteren Diskussionen um Wachstumsfragen leistete die Soziologie keine wesentlichen Beiträge. Gründe dafür sind u.a. darin zu suchen, dass die ökologische Krise in der Soziologie insgesamt erst spät aufgegriffen wurde. Bis heute ist die Wachstumsdebatte in den einschlägigen umweltsoziologischen Publikationen kein relevantes Thema. Die Umweltsoziologie leistet zwar in Projektarbeiten und interdisziplinären Kooperationen wichtige Arbeit, verliert aber offensichtlich gesellschaftliche Entwicklungsdynamiken aus dem Blick. Befördert wird dies durch ihre mangelnde universitäre Institutionalisierung. So wird die (Umwelt-) Soziologie einmal mehr von der neueren Wachstumskritik, von Postwachstums- oder Degrowth-Debatten, überrascht. Daraus resultieren zwei Fragen, die im Beitrag aufgegriffen werden: Wie ist die Wachstumsthematik (umwelt-)soziologisch zu rekonstruieren und wie lässt sich damit an Diskussionen zu nachhaltiger Entwicklung anschließen?

Die zentralen Anliegen ökologischer Wachstumskritik unterscheiden sich von anderen Kritikperspektiven, wie Kapitalismuskritik, feministischer Kritik u.a. Sie richtet sich zum einen auf die Dynamiken der Industriegesellschaft, d.h. auf wissenschaftlich-technische Entwicklungen, die die biophysischen Prozesse der Erde immer umfassender und tiefgreifender beeinflussen. Zum anderen werden die ‚konsumistischen’ Lebensweisen und der daran gekoppelte Verbrauch an materiellen Dingen kritisiert, die nach immer mehr und immer neuen Ressourcen verlangen, Energien verschlingen und Abfälle anhäufen. Die Wachstumskritik sieht hier gesellschaftliche Dynamiken am Werke, die sich nicht (mehr) zureichend kontrollieren lassen und destruktiv für Mensch und Umwelt auswirken. Soziologisch bezieht sich Wachstumskritik also auf eigendynamische Mittel-Reproduktionen, die sich von humanen (sozialen und ökologischen) Zwecken lösen. Soziologische Aufgabe ist zum einen die Analyse dieser Dynamiken. Darüber hinaus können auch soziologische Beiträge zu nachhaltiger Entwicklung geleistet werden. Der hier verfolgte prozedurale Ansatz verspricht allerdings keine substanziellen Problemlösungen. Vielmehr bietet er an, zur Demokratisierung der Problembearbeitung beizutragen, d.h. Verfahrensvorschläge dafür zu entwerfen, wie geeignete Problembearbeitungen gefunden werden können.


Schlagworte


Wachstumskritik; Ökologische Krise; Nachhaltige Entwicklung

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