Jenseits des Ausnahmezustands

Teresa Koloma Beck

Abstract


In populären wie auch in wissenschaftlichen Debatten werden Kriege in der Regel als Ausnahmezustand vorgestellt, als gewaltsame Abweichung vom »normalen« Gang der Dinge. Dabei stellt sich insbesondere in innerstaatlichen Konflikten, die das Konfliktgeschehen der Gegenwart dominieren, in besonderem Maße die Frage nach dem Verhältnis von Krieg und Normalität. Denn hier verschwimmen Unterscheidungen, die in zwischenstaatlichen Kriegen als »einhegende« Organisationsprinzipien wirken, insbesondere die zwischen KombattantInnen und Nicht-KombattantInnen, zwischen Schlachtfeld und Hinterland, zwischen Kriegs- und Friedenszeiten. Der Beitrag diskutiert, wie sich Bürgerkriege jenseits des Topos des Ausnahmezustand theoretisch fassen und empirisch untersuchen lassen. Konzeptueller Ankerpunkt der Überlegungen sind phänomenologische und pragmatistische Theorien von Alltäglichkeit, deren Fruchtbarkeit im zweiten Teil anhand einer Fallstudie zum Bürgerkrieg in Angola (1975-2002) aufgezeigt wird. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Unterschieden zwischen der Transformation von Alltäglichkeit in bewaffneten Gruppen einerseits und im Milieu der Nicht-Kombattanten andererseits. Darüber hinaus findet die Frage nach den Grenzen der Veralltäglichung Beachtung. Der Beitrag macht deutlich, wie eine alltagstheoretische Perspektive auf bewaffnete Konflikte nicht nur Einsichten zur sozialen Dynamik von Bürgerkriegen ermöglicht, sondern auch ein neues Licht auf typische Probleme in Nachkriegsgesellschaften wirft. 


Schlagworte


Krieg; Alltag; Normalität; Pragmatismus; Phänomenologie; Angola

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