Soziologie als ‚Marke‘. Kernkompetenz, gesellschaftlicher Nutzen, Vermittlungswege

Jan-Felix Schrape

Abstract


Einerseits wird der Soziologie angesichts ihres 'hermetischen Jargons' oft Unverständlichkeit unterstellt, andererseits wird in der Berichterstattung immer wieder gerne auf soziologische Protagonisten zurückgegriffen. Gleichwohl scheint der Eindruck vorzuherrschen, dass die aktuelle soziologische Forschung insgesamt kaum wahrgenommen wird. 

Zugespitzt formuliert: Der soziologische Fachbereich hat in der Selbst- und Fremdbeobachtung ein Identitätsproblem. Und wäre 'die Soziologie' ein Unternehmen, wäre es nun wohl an der Zeit, sich an eine der zahlreichen Beratungsfirmen aus dem Markenführungsbereich zu wenden, um die eigene 'Corporate Identity' neu zu definieren. Der Wirkungsgrad solcher häufig sehr schematischen Konzepte bleibt zurecht umstritten und sie lassen sich realiter kaum auf eine wissenschaftliche Disziplin beziehen. Nichtsdestotrotz möchte dieser Beitrag auf der Basis eines breiten Spektrums an soziologischen Stimmen das Gedankenexperiment wagen, sich mit drei zentralen Fragen zur Identität des Fachbereichs auseinanderzusetzen: Was ist die Kernkompetenz der Soziologie? Welchen Nutzen bietet die Soziologie der Gesellschaft? Und: Wie vermittelt die Soziologie ihr Wissen?

Dabei zeigt sich, dass die Aufgabe der Soziologie seit jeher weniger in der Kommentierung tagesaktueller Ereignisse, sondern vielmehr in der Beobachtung langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen, dem Aufzeigen von Beobachtungsalternativen und der Entzauberung von Beschreibungsmythen besteht. Dennoch kann die Soziologie – sofern sie als Reflexionswissenschaft wahrgenommen werden will – auf eine disziplinübergreifende Professionalisierung ihrer Öffentlichkeitsarbeit und die Ausbildung entsprechender funktionaler Ressourcen nicht verzichten. 


Schlagworte


Soziologie; Öffentlichkeit; Marketing; Kernkompetenz; Wissensvermittlung

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


ARD-Mediathek 2009: Denken für eine bessere Gesellschaft. Jürgen Habermas im Porträt. BR2-Radio-Podcast. http://bit.ly/18x7eDU (letzter Aufruf 16. März 2015).

Bude, H. 2004: Kommentar zu Michael Burawoy: Auf der Suche nach einer öffentlichen Soziologie. Soziale Welt, 56. Jg., Heft 4, 375–380.

Burawoy, M. 2005: For Public Sociology. American Sociological Review, 70. Jg., Heft 1, 4–28.

Cassidy, A. 2008: Communicating the social sciences. In M. Bucchi, B. Trench (Hg.), Handbook of Communica-tion of Science and Technology. London: Routledge, 225–236.

Comte, A. 1919 [1822]: Entwurf der wissenschaftlichen Arbeiten welche für eine Reorganisation der Gesellschaft erforderlich sind. Leipzig: Unsema.

Dahrendorf, R. 1996: Die bunten Vögel wandern weiter. In J. Fritz-Vannahme (Hg.), Wozu heute noch Soziologie? Opladen: Westdeutscher Verlag, 31–36.

Damitz, R. 2013: Soziologie, öffentliche. Soziologische Revue, 36. Jg., Heft 3, 251–262.

Domizlaff, H. 1939: Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Hamburg: Hanseatische Verlagsanstalt.

Elias, N. 2006: Was ist Soziologie? Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Elias, N. 1988: Über die Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Elias, N. 1986: Engagement und Distanzierung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Elias, N. 1978: Über den Prozess der Zivilisation. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Esch, F., Fischer, A. 2009: Markenidentität als Basis für die Gestaltung der internen und externen Kommunikati-on. In M. Bruhn, F. Esch, T. Langner (Hg.), Handbuch Kommunikation. Wiesbaden: Gabler, 379–396.

Esch, F. 2008: Strategie und Technik der Markenführung. München: Vahlen.

Fleck, C. 2008: Die Soziologie und ihr Publikum. In S. Sigmund, G. Albert, A. Bienfait (Hg.), Soziale Konstellation und historische Perspektive. Wiesbaden: VS, 391–404.

Fukuyama, F. 1992: Das Ende der Geschichte. München: Kindler.

Gibbons, M., Limoges, C., Nowotny, H., Schwartzmann, S., Scott, P.,

Trow, M. 1994: The New Production of Knowledge. London: Sage.

Habermas, J. 1985: Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Habermas, J. 1979: Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Habermas, J. 1973: Kultur und Kritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Habermas, J. 1971: Theorie und Praxis. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hartmann, M. 2004: Lange Narkose, verwirrtes Erwachen. Die Zeit, 41/2004, 50.

Huntington, S. P. 1998: Kampf der Kulturen. München: Goldmann.

Informationsdienst Wissenschaft (IDW) 2010: Grenzgängerin zwischen Sozialwissenschaft und politischer Pra-xis. Pressemitteilung. http://idw-online.de/pages/de/news396689 (letzter Aufruf: 16. März 2015).

Kaufmann, F. 2007: Was heißt »Anwendung« in den Gesellschaftswissenschaften? Dankrede. www.schader-stiftung.de/themen/kommunikation-und-kultur/fokus/wissenschafts-praxis-dialog/artikel/was-heisst-anwendung-in-den-gesellschaftswissenschaften/ (letzter Aufruf: 16. März 2015).

Kerstan, T., Thadden, E. 2004: Wer macht die Schule klug? Interview mit Manfred Spitzer und Elsbeth Stern. Die Zeit 28/2004, 28.

Lichtblau, K. 2010: Die Stellung der Soziologie innerhalb der geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Soziologie, 39. Jg., Heft 3, 279–285.

Luhmann, N. 2005: Soziologische Aufklärung 3. Wiesbaden: VS.

Luhmann, N. 1997: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Luhmann, N. 1996: Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N. 1993: »Was ist der Fall?« und »Was steckt dahinter?«. Bielefeld: StadtBlatt.

Luhmann, N. 1990: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Malik, F. 2002: Strategie des Managements komplexer Systeme. Bern: Paul Haupt.

Mayntz, R. 2009: Speaking Truth to Power. Der moderne Staat, 2. Jg., Heft 1, 5–16.

Mayntz, R. 2006: Einladung zum Schattenboxen. Die Soziologie und die moderne Biologie. MPIfG Discussion Paper 06/7. Köln: Max-Planck-

Institut für Gesellschaftsforschung.

Mayntz, R. 2000: Individuelles Handeln und gesellschaftliche Ereignisse. MPG (Hg.), Wie entstehen neue Quali-täten in komplexen Systemen? Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 95–104.

Mayntz, R. 1997: Soziale Dynamik und politische Steuerung. Frankfurt am Main: Campus.

Mayntz, R. 1980: Soziologisches Wissen und politisches Handeln. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 6. Jg., Heft 3, 309–320.

Merton, R. K., Wolfe, A. 1995: The Cultural and Social Incorporation of Sociological Knowledge. The American Sociologist, 26. Jg., Heft 3, 15–39.

Osrecki, F. 2011: Die Diagnosegesellschaft. Bielefeld: Transcript.

Revers, Matthias, 2009: Sociologists in the Press. American Sociologist, 40. Jg., Heft 4, 272–288.

Schäfer, M. 2008: Medialisierung der Wissenschaft? Zeitschrift für

Soziologie, 37. Jg., Heft 3, 206–225.

Schrape, J.-F. 2011: Social Media, Massenmedien und gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktion. Berliner Jour-nal für Soziologie, 21. Jg., Heft 3, 407–429.

Soeffner, H-G. 2011: Die Zukunft der Soziologie. Soziologie, 40. Jg., Heft 2, 137–150.

Spiegel (o.V.) 1971: Der Geheimtip. Der Spiegel 45/1971, 202–207.

Spitzer, M. 2006: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett.

Stichweh, R. 1994: Wissenschaft, Universität, Professionen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Treibel, A. 1993: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Stuttgart: Leske+Budrich.

Weingart, P. 2008: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist: Velbrück.


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2015 Verhandlungen der Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie