Konventionen und Wirtschaftskrisen. Zur Wahlverwandtschaft zwischen lokalen Wirtschaftspraktiken und wirtschaftlichen Entwicklungspfaden

Nina Baur, Linda Hering

Abstract


Städte, Regionen und Nationen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Performanz, sondern auch hinsichtlich ihrer Fähigkeit, Wirtschaftskrisen erfolgreich zu bewältigen bzw. sich über diese hinweg neu zu definieren.

Um zu analysieren, welchen Beitrag Konventionen zur Erklärung dieses lokal unterschiedlichen Krisenbewältigungspotenzial leisten können, haben wir bewusst vier Städte so ausgewählt, dass sie sich hinsichtlich Größe, Dichte, Heterogenität und Strukturbedingungen ähneln, insbesondere einer vergleichbaren historischen Tradition und ähnlichen formativen Phasen samt ähnlichen aktuellen Problemlagen. Alle vier Städte wurden gleichermaßen von der Krise der 1970er getroffen, und die letzten drei Dekaden standen dementsprechend im Zeichen umfassender Bemühungen, die Krise zu bewältigen. Aus der Perspektive der bisherigen Forschung zu räumlichen Differenzen der Wirtschaft sollte es daher keine oder kaum Unterschiede hinsichtlich des wirtschaftlichen Erfolgs der Städte geben oder hinsichtlich ihrer Fähigkeit, mit Umbruchssituation umzugehen – was empirisch aber nicht der Fall ist.

Vielmehr unterscheiden sich die ausgewählten Städte in einer Reihe von Dimensionen hinsichtlich des institutionellen Rahmens und der Strukturbedingungen, die eine systematische Analyse des Zusammenhangs zwischen Konventionen, Institutionen und Krisenbewältigungspotenzial ermöglichen.

Um diesen Zusammenhang näher zu betrachten, triangulierten wir eine Verlaufsmusteranalyse der stadtspezifischen Wirtschaftspfade mit einer Analyse der lokalen Wirtschaftspraktiken auf dem Friseurmarkt, die auf einem Methoden-Mix aus Ethnografie und standardisierter Befragung beruht.

Eine Analyse, welche Konventionen in Umbruchssituationen wie wirken, zeigt auf, dass insgesamt offensichtlich verschiedene Wege der erfolgreichen Krisenbewältigung existieren. Eine Möglichkeit scheint die Unterordnung aller anderen Lebensbereiche unter das Primat der Ökonomie zu sein. Alternative Pfade können die erfolgreiche Gestaltung von informellen Beziehungen und sozialen Netzwerken sowie eine ausgewogene Balance zwischen Individualität und Professionalität der Arbeitenden sein. Wichtig scheinen folglich nicht einzelne Elemente einer Wertordnung zu sein, sondern vielmehr das Gesamtbild, also spezifische Kombinationen ihrer verschiedenen Elemente.

Schlagworte


Ökonomie der Konventionen; Historische Soziologie; Krise; formative Phasen; Verlaufsmusteranalyse; Wirtschaft; Markt; Friseure; Eigenlogik der Städte; Stadtsoziologie; Mixed Methods; Frankfurt; Dortmund; Birmingham; Glasgow

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