Arbeitskraftunternehmertum und projektbasierter Kapitalismus im wissenschaftlichen Feld

Alexander Lenger

Abstract


Ziel des vorliegenden Beitrages ist es aufzuzeigen, dass gute Gründe vorliegen, Professor/-innen heutzutage im Sinne des „projektbasierten Kapitalismus“ (Boltanski, Chiapello 2006) als „Arbeitskraftunternehmer/-innen“ zu verstehen (Voß, Pongratz 1998). Universitäre Beschäftigungsverhältnisse – so die zentrale These – sind als prototypische Beispiele für den „Neuen Geist des Kapitalismus“ zu interpretieren, welcher sich im Kern durch eine zunehmende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche, eine signifikante Zunahme von Netzwerk- und Projektstrukturen sowie die Subjektivierung und Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen auszeichnet (Boltanski, Chiapello 2006).

Aufgrund des begrenzten Rahmens werden in diesem Beitrag lediglich einige fragmentarische Überlegungen vorgetragen. Für ausführliche empirische Befunde muss auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen werden. Zunächst werden die relevanten gesellschaftlichen Veränderungen skizziert. Moderne Gesellschaften und damit auch die Arbeitsverhältnisse im wissenschaftlichen Teilsystem unterliegen aus soziologischer Perspektive einem Beschleunigungsprozess, der zu einer Flexibilisierung und Ökonomisierung auch von wissenschaftlichen Beschäftigungsverhältnissen führt. Daran anschließend werden die spezifischen Regeln des wissenschaftlichen Feldes in Erinnerung gerufen und die Vorstellung von „Wissenschaft als Lebensform“ ausführlicher diskutiert. Der Beitrag schließt mit einigen grundlegenden Überlegungen zu den zentralen Befunden eines Forschungsprojektes zur Transformation des Habitus bei Professor/-innen und einer Transformation der impliziten Regeln im wissenschaftlichen Feld.


Schlagworte


Wissenschaftliches Feld; Projektbasierter Kapitalismus; Arbeitskraftunternehmertum; Wissenschaft als Lebensform; Pierre Bourdieu; Illusiotransformation; Habitus; Feldtheorie; Professor-/innen

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