Soziologische Imaginative: Der Begriff der Öffentlichkeit

Annette Knaut

Abstract


Grundannahme des Beitrages ist, dass soziologische Begriffs- und Urteilsbildung nie voraussetzungslos ist, sondern von historisch gewachsenen Wissensordnungen geleitet wird. Dies gilt im Besonderen für Großkonzepte wie z.B. Öffentlichkeit. Sie werden hier als Imaginative bezeichnet, um in Anlehnung an Charles Taylor und Benedict Anderson hervorzuheben, dass es sich hierbei um in Gesellschaft wie Wissenschaft verankertes Wissen handelt. In Form von Erzählungen, Symbolen und Bildern spezifische Argumentations- und Deutungsmuster trägt ein Imaginativ den wissenschaftlichen (und teilweise auch öffentlichen) Hauptdiskurs. Ausgehend von sozial-konstruktivistischen Konzepten wird mit dem Begriff der Imaginative eine terminologische Schärfung von in der Literatur verwendeten Bezeichnungen für Großkonzepte (u.a. Meta-Narrative, konzeptionelle Narrative) vorgenommen. Im ersten Teil wird das Imaginativ-Konzept entwickelt und die Ko-Konstituierung von Imaginativen durch Diskurse und Narrative erläutert. Ko-Konstituierung meint allgemein die gleichzeitige Verwobenheit der Imaginative mit dem vortheoretischen (gesellschaftlichen) und dem theoretischen (wissenschaftlichen) Raum. Im zweiten Teil wird rekonstruiert, wie das Imaginativ der Öffentlichkeit im Mainstream sozialwissenschaftlicher Analysen einer spezifischen storyline folgt, die u.a. die Forschung zur europäischen Öffentlichkeit prägt und nicht zuletzt auch deren Ergebnisse legitimiert. Die Rekonstruktion des Imaginativs von Öffentlichkeit soll exemplarisch die Wirkmächtigkeit von Imaginativen zeigen.


Schlagworte


Imaginäres; Narrative; Diskurse; Öffentlichkeit

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