Kreative Zerstörung als Rückkehr genialer Gewöhnlichkeit: LEGO, die Kulturtragödie der Exzellenz und die Expropriation des Brickolariats

Matthias Zick Varul

Abstract


Der Gegensatz von Exzellenz und Mittelmaß läßt sich auflösen, indem Exzellenz nicht als Exzeß sondern als unausweichliche Implikation der Mittlemäßigkeit verstanden wird. Statt an Aristoteles‘ konservatives Ideal der Mäßigung, schließe ich damit an Platons Begriff des μεταξύ, der Mitte als instabiles Zwischen, an, das sich aus dem Chaos konstituiert und sich in prekärer Balance aus diesem nur absondern kann, indem es sich auf eine nie zu erreichende Perfektion der Form orientiert. In dieser Perspektive zeigt sich das Streben nach Exzellenz als Selbsterhaltungstrieb des Mittelmaßes – eine ewig aufstrebende, stets prekäre, nie ankommende gesellschaftliche Mitte. Bei Platon ist diese davor gefeit, ihre kreative Energie zu verlieren, da sie metaphysisch zum Zwischensein verdammt ist. Das Problem des gegenwärtigen Exzellenzkults ist, daß Spitzenstandards und Höchstleistungen durchformuliert und instutionalisiert werden, wodurch systemtranzendierende Innovation zugunsten algorithmisierter Exzellenzproduktion blockiert wird. Organisationslogik ersetzt radikale Neuerungen durch erreichbare, klar definierte Exzellenzziele. Exzellenzorientierte Firmenkulturen erfahren Verdinglichungsprozesse lebloser Perfektion wie sie in  Simmels Tragödie der Kultur thematisiert werden. Während er sich rhetorisch als Gegenteil von Mittelmäßigkeit darstellt, markiert der Exzellenzkult so in Wirklichkeit eine Grenze der auf kreativer Zerstörung basierenden Kapitalakkumulation. Um diese zu überwinden, müssen neue Ressourcen der Kreativität außerhalb aufgetan werden. In seiner Kritik an Simmel hatte Cassirer schon auf den revitalisierend-produktiven Charakter des Konsums von Kulturprodukten verwiesen – und es sind in der Tat die bisher als bloß passiv absorbierend verstandenen Konsumierenden, deren schöpferisches Potenzial nun angezapft wird. Viele Unternehmen entdecken den produktiven Konsumenten (prosumer), als kostengünstige Inspirationsquelle. Aus den kulturindustriell zum Mittelmaß verdammten bzw. als mittelmäßig verkannten Massen sollen neue Ideen hervorgezaubert werden, die vom aus targets eingeschworenen Personal nicht mehr zu erwarten sind.

 

Dies läßt sich beispielhaft an der Entwicklung von Lego nachzeichnen, in welcher der einst offene Möglichkeitshorizont der Rekombination einfacher Bauelemente durch die Perfektionierung von Konstruktionsplänen drastisch geschrumpft wurde. Spielerisch wurde im Zuge des langsamen Verfalls, Umbaus und Neubaus der Modelle in den Kinderzimmern  dezentral schon lange schöpferische Zerstörung geübt – und nun greift der Konzern über user engagement platforms wie „Lego Ideas“ systematisch auf diese Ressource zu. Der kreative prosumer wird im quasi-offiziellen Spielfilm des Unternehmens heroisiert. The Lego Movie, unter geschütztem Markennamen vertrieben durch Warner Bros. und gemeinschaftlich mit dem Lego-Konzern vermarktet, gibt sich auf den ersten Blick regelrecht antikapitalistisch. Er richtet sich gegen die vom Unternehmen betriebene Produktstrategie, immer perfektere „Welten“ auf den Markt zu bringen, die aber Raum für spielerische Modifizierungen zu eliminieren drohen. Im Film plant der nach Perfektion strebende Lord Business, der als Monopolkapitalist über die Legowelten herrscht, freier Rekonstruktion ein für allemal den Garaus zu machen, indem die vorschriftsmäßig montierten, nicht weiter verbesserbaren Welten durch Anwendung einer Geheimwaffe (Superklebstoff) endgültig fixiert werden sollen. Die „Masterbuilder“ unter Führung des Propheten Vitruvius führen einen aussichtslosen Kampf gegen die Auslöschung des ursprünglich in den Bausteinen innewohnenden schöpferischen Potentials. Der eigentliche Held des Films, Emmet, ist ein kulturindustriell gleichgeschalteter konsumorientierter Bauarbeiter – die Verkörperung der Mittelmäßigkeit schlechthin. Als sich herausstellt, daß Emmet‘s halbgebackenen Wahnsinnskonstruktionen unerwarteten Nutzen im Kampf gegen Lord Business haben, mobilisieren die Masterbuilder die Massen der Legofiguren – greifen auf deren general intellect zu. Aus den Baustein-Proletariern werden befreite bricoleurs, das Brickolariat erhebt sich – doch die Revolution endet im Klassenkompromiß, nachdem Lord Business von Emmet an seine kreative Wurzeln erinnert wird.

Technologisch ausgefeilt, prätendiert der Film ästhetisch Amateurhaftigkeit, indem der Stil selbstgemachter stop motion Legovideos auf Youtube nachahmt. Er stellt damit eine Allianz her mit den bricoleurs, die vom Design der vorgegebenen Konstruktionspläne abweichen und das zunehmend auf einer kommerziell betriebenen Platform zur Schau stellen, die von den Beiträgen der prosumer lebt.

Der Film kann damit als kulturindustrielle Aufarbeitung der Selbstbefreiung der im Exzellenzfetish verfangenen Unternehmen durch eine ursprüngliche Akkumulation genialer Mittelmäßigkeit verstanden werden.

Schlagworte


Film; Lego; Spielzeug

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