Öffentliche Selbst- und Fremddarstellungen der Soziologie

Christoph Mautz, Jasper Wendelin Korte

Abstract


Wie öffentlich ist die Soziologie? In der Disziplinfolklore ist dies meist schon negativ beantwortet: Die Soziologie ist nicht öffentlich sichtbar, sie hat keinen Platz in den Massenmedien. Dies wird u.U. noch bedauert oder an die ,gute alte Zeit‘ erinnert, in der es anders war. Wir denken: Das ist falsch. Einer empirischen Wissenschaft kann es nicht genügen, Fragen, die mit den eigenen Mitteln beantwortet werden können, anekdotischer Evidenz zu überlassen. Inhaltlich ist der Diagnose auch nicht zuzustimmen. Ein Blick in eine beliebige Tageszeitung beweist: In irgendeiner Form taucht die Soziologie tagtäglich auf. Dazu ist nicht nur für an Universitäten beschäftigte Soziolog_innen der Umstand, eine persönliche Webpage zu benötigen, zumeist unumgänglich. Diese Webpages sind Teil der öffentlichen personalen Selbstdarstellung. Public sociology fragt aber weiter, nicht nur, ob die Soziologie in der Öffentlichkeit wahrnehmbar ist, sondern auch: wozu eigentlich? Und sicher sind die düsteren anekdotischen Diagnosen eher so zu verstehen, dass die gegenwärtige Rolle der Soziologie nicht die ist, die phantasiert wird. Dieser Debattenzustand macht aber beides unsichtbar: Die tatsächliche öffentliche Präsenz der Soziologie und die Diskussion darüber, welche Rolle für die Soziologie wünschenswert wäre.

Im Beitrag wählen wir die personale Selbstdarstellung und die massenmediale Fremddarstellung als Ausgangspunkt, von dem aus die Öffentlichkeit der Soziologie fokussiert werden soll. Die personale Selbstdarstellung unterliegt einer Vielzahl höchst unterschiedlicher und eben doch miteinander verwobenen Bedingungen: u.a. mediale, organisationale, persönliche und gesamtgesellschaftliche. Das Design der standardisierten Inhaltsanalyse umfasst einen Vergleich dreier Sozialwissenschaften: Ethnologie, Ökonomik und Soziologie im Längs- und Querschnitt. Es werden Fragen nach dem Ort des Erscheinens, der Funktion im Artikel, dem Träger, den Produktionsbedingungen des dargestellten Wissens, mögliche Konfliktfelder und Darstellungen von Geltung des Wissens erhoben. Die Kombination aus makrohermeneutischer und standardisierter Analyse verspricht unter Einbezug der multimedialen Formate der personalen Selbstdarstellung und der Fremddarstellung in der deutschen Qualitäts-Tagespresse eine Diagnose des Verhältnisses von Soziologie und ihrer Öffentlichkeit und zudem eröffnet sich ein Raum der Diskussion über dieses Verhältnis.


Schlagworte


Soziologie; Public Sociology; Personen-Webpages

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


Alvermann, D., Dahlenburg, B. 2006: Greifswalder Köpfe. Gelehrtenportraits und Lebensbilder des 16.–18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität. Rostock: Hinstorff.

Best, J. 2003: Killing the Messenger: The Social Problems of Sociology. Social Problems, 50. Jg, Heft 1, 1–13.

Burawoy, M. 2005: For Public Sociology. American Sociological Review, 70 Jg., 4–28.

Burkart, G. 2002: Über die Unmöglichkeit einer Soziologie der Soziologie oder De nobis ipsis non silemus. In G. Burkart, J. Wolf (Hg.), Lebenszeiten. Erkundungen zur Soziologie der Generationen. Opladen: Leske + Budrich, 457–478.

Dahlenburg, B. 2006: Universitäre Ahnengalerien. Die Greifswalder Bildungselite im Portrait. In D. Alvermann, B. Dahlenburg, Greifswalder Köpfe. Gelehrtenportraits und Lebensbilder des 16.–18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität. Rostock: Hinstorff, 7–13.

Dahrendorf, R. 2010: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der sozialen Rolle. Wiesbaden: VS.

Kohli, M. 1981: »Von uns selbst schweigen wir«: Wissenschaftsgeschichte aus Lebensgeschichten. In W. Lepenies, W.-H. Krauth (Hg.), Geschichte der Soziologie: Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin. 4 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 428–465.

Korte, J. 2010: Exposé des Dissertationsprojekts »Lebensfremde Soziologen.« Zur Medialisierung der Sozial-wissenschaften, http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/soziologie/personen/korte_expose.pdf (letzter Aufruf 26. Februar 2015).

Korte, J., Späte, K. 2014: Forschung und Lehre – zur Einheit dieser Differenz. In M. Löw (Hg.), Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum und Dortmund 2012. Frankfurt am Main, New York: Campus, CD-Rom.

Goffman, E. 1969: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper

Goffman, E. 1980: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Misoch, S. 2005: My_site.de – Webpages als Medien der Selbstdarstellung. Forum Qualitative Sozialforschung, 6. Jg., Heft 1, 21 Art.

Neuberger, Ch. 2014: Social Media in der Wissenschaftsöffentlichkeit. Forschungsstand und Empfehlungen. In P. Weingart, P. Schulz (Hg.), Wissen – Nachricht – Sensation. Zur Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien. Weilerswist: Velbrück, 315–368.

Renn, J. 2006: Übersetzungsverhältnisse – Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück

Schelsky, H. 1963: Einsamkeit und Freiheit. Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihrer Reform. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Selke, S. 2014: Lifelogging: Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert. Berlin: Econ.

Sennett, R. 2005: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlinverlag.

Steuerungsgruppe der Pilotstudie Forschungsrating im Auftrag des Wissenschaftsrates 2008: Forschungsleistungen deutscher Universitäten und außeruniversitärer Einrichtungen in der Soziologie. Köln: Wissenschaftsrat.


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2015 Verhandlungen der Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie