Der Normallebenslauf als Auslaufmodell? Zur Differenzierung und Destandardisierung von Erwerbsverläufen

Dina Frommert

Abstract


Der Beitrag untersucht den Wandel von Erwerbsverläufen mit einem neuartigen methodischen Ansatz. Zentrale Konzepte der Sequenzmusteranalyse werden, abweichend von bisherigen deskriptiven Ansätzen, in ein Regressionsmodell integriert. Konkret werden die Konzepte Differenzierung, definiert als zunehmende Komplexität der individuellen Verläufe und Destandardisierung, definiert als zunehmende Distanz von einem Referenzverlauf, unterschieden. Der Beitrag untersucht, inwiefern eine Beziehung zwischen den beiden Konzepten besteht und ob sich in der Abfolge der Geburtsjahrgänge eine Veränderung ergibt.

Als Datenbasis dienen die in der Studie „Altersvorsorge in Deutschland“ erhobenen Er-werbsverläufe, die um die Lebenslaufdaten der Nacherhebung „Individuelle Altersvorsorge“ ergänzt wurden. Damit liegen für die Geburtsjahrgänge 1942 bis 1961 valide, monatsgenaue Längsschnittdaten vom Zeitpunkt des 15. Geburtstags bis in das Jahr 2009 vor. In dem Beitrag werden die Erwerbsverläufe westdeutscher Männer untersucht, da die Idealfigur des Normallebenslaufs in erster Linie von ihnen gelebt wird.

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass der Versuch, Konzepte aus der Sequenzdatenanalyse nicht nur explorativ sondern in einem analytischen Zusammenhang zu verwenden, vielversprechend ist. Jüngere Männer weisen tendenziell höhere Komplexitätswerte und größere Distanzen zum Referenzverlauf auf als ältere. Weiterhin zeigt sich, dass Destandardisierung und Differenzierung eng zusammenhängen, als Konstrukte jedoch nicht deckungsgleich sind. Sie beleuchten vielmehr unterschiedliche Aspekte des Wandels von Erwerbsverläufen. Es scheint, als ob ein Teil der bislang uneinheitlichen Befunde in diesem Gebiet darauf zurückzuführen ist, dass die verschiedenen Konzepte in der Analyse nicht immer trennscharf abgegrenzt werden können.

Schlagworte


Sequenzdatenanalyse; Wandel von Erwerbsverläufen

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