Demografischer Wandel als gesellschaftliche Krise – Deutsche Alterungsdiskurse der Gegenwart und die wachsende Kritik an deren Demografisierung und Dramatisierung

Reinhard Messerschmidt

Abstract


Unter dem Titel ›Deutschland 2014: der Mensch geht, der Wolf kommt‹ beschrieb Reiner Klingholz am 18.8.2004 in der Financial Times Deutschland ein ›düsteres Szenario‹ verfallender Schwundregionen und der ›Überalterung‹ der gesamten Republik, welche unfähig sei bspw. durch gesteuerte Zuwanderungspolitik zu reagieren. Die Relationen des absurden Vergleichs von zwei sich bis 2014 laut Klingholz verdreifachenden Wolfsrudeln mit vermeintlich um 13% schrumpfenden über 82 Millionen Menschen erscheinen ebenso fragwürdig wie Kassandrarufe von der ›tickenden demografischen Zeitbombe‹. Entgegen der dominierenden massenmedialen Krisenrhetorik nimmt die deutsche Bevölkerung in den letzten Jahren leicht zu – mit inzwischen doppelt so großem Wanderungssaldo wie in der letzten Bevölkerungsprojektion des Statistischen Bundesamts maximal angenommen wurde. Auch wenn Bevölkerungsprojektionen stets auf langfristige Prozesse zielen, zeigen beide Beispiele idealtypisch die seit längerem kritisierte ›Demografisierung‹ (Eva Barlösius). Warum werden Bevölkerungsprojektionen, trotz gegenteiliger Hinweise, in den Medien fast immer als Prognosen rezipiert? Fehlinterpretationen durch Journalist /-innen werden bereits seit längerem von renommierten Demograf/-innen thematisiert. Neu ist jedoch, dass dies bspw. in Bezug auf Fertilitätsmaße durchaus selbstreflexiv stattfindet. Bezüglich einseitiger Anwendung retrospektiver statt prospektiver Altersmaße bzw. chronologischen Alters als Berechnungsgrundlage des sogenannten ›Altenquotienten‹ steht eine derartige Reflexion noch aus, hätte aber fundamentale Konsequenzen. Demografisierung basiert folglich nicht nur auf Missverständnissen: der teilweise problematisch verengte ›formale Kern‹ der Demografie trägt dazu ebenso bei, wie die massenmediale Funktionslogik der Dramatisierung und konkrete politische bzw. ökonomische Interessen. Die Kernergebnisse einer Foucaultschen Diskursanalyse sowohl epistemologischer Grundlagen demografischen Zukunftswissens als auch deren massenmedialer Vermittlung
in über 3.800 Presseartikeln von 2000 bis 2013 verdeutlichen eine demografisch ›legitimierte‹ Gouvernementalität vermeintlich unausweichlicher Sachzwänge. Die Gesellschaft wird bislang einem Krisendiskurs unterworfen, welcher im Hinblick auf seine epistemologischen Grundlagen keinesfalls so sicher und ›objektiv‹ ist, wie oftmals dargestellt.


Schlagworte


Foucault; Demografischer Wandel; Bevölkerungsprojektionen

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