Die stille Krise. Der Verlust des Wissensmonopols des Staates und seine Folgen für die Polizei

Jonas Grutzpalk

Abstract


Ein Erkennungsmerkmal moderner Polizeien ist, dass sie Daten erheben, auswerten und sammeln. Dieses Verständnis des Staates als Wissensträger und einzig legi­timierter Wissensnutzer hat – je nach Technikstand – gewaltige Veränderungen durchlaufen.

Bereits seit den 1970er Jahren deutet sich an, dass das staat­lich gehortete Wissen in einen Strudel geraten ist, den man in An­lehnung an Mercedes Bunz die „stille Krise“ der staat­lichen Wissensverwaltung nennen kann. Das Internetzeit­alter macht deutlich, dass staatlich verwaltetes Wissen „hin­ter die Lage“ behördlicher Zuständigkeit gerät.

Die Krise könnte eigentlich umfassender nicht sein. Denn wenn der Staat kein Wissensmonopol mehr hat, treten auch die Staats­diener selbst in ein anderes Licht: galt seit jeher der Beamte als „der Repräsentant, der seine ganze Potenz vom Dienst­herrn bezieht“ (Peter Sloterdijk), wird nun deut­lich, wie wenig der Dienstherr oft im Vergleich mit dem Inter­net weiß. Die stille Wissenskrise stellt also das gesamte bisherige Wissensmanagement der Sicherheitsbehörden in Frage und zwingt sie - über technische Umstellungen hinaus - über ihr Wissen neu nachzudenken.

Der Text versucht in einem ersten Anlauf, die Geschichte staatlicher Wissensspeicherung bis dato anzureißen und dabei auf die jeweils vorhandenen technischen Gegebenheiten einzugehen.  In einem zweiten Schritt wird analysiert, was die Revolution des Internetzeitalters hinsichtlich staatlicher Wissensspeicherung bedeutet. Was es heißt, im Internetzeitalter zu leben wird kurz anhand der Begriffe „Big Data“ und „Petabyte-Zeitalter“ angerissen. Welche Folgen Big Data für die Polizeiarbeit hat, wird diskutiert. Es bleibt aber am Ende offen welche Folgen das neue Wissensregime des Internetzeitalters für die Polizei noch haben wird.

Schlagworte


Internet; Network Centric Policing; Polizei; Wissen

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