Solidarität und transnationale Netzwerkeinbettung: Einstellungen zu länderspezifischer Finanzhilfe in zwei europäischen Ländern

Julia Häuberer

Abstract


Die Europäische Finanzkrise stellt eine der härtesten Prüfungen für die EU dar. Ausgelöst von einer globalen Finanzkrise gerieten mehr und mehr EU Staaten in Staatsschuldenkrisen, die sie ohne Hilfe der EU nicht selbst lösen konnten. Da weder Kredite des IWF und der EU, noch die temporäre „Europäische Finanzstabilisierungsfazilität“ ausreichten, wurde nach der Ergänzung des Lissabon-Vertrages um Artikel 136(3) der dauerhafte „Europäische Stabilitätsmechanismus“ implementiert, der als Einstieg in eine europäische Finanzpolitik gewertet werden kann. Soziologisch betrachtet finden wir hier eine bedeutende Vertiefung europäischer Systemintegration vor. Nun stellt sich die Frage, welche Effekte diese Systemintegration auf die europäischen Bürger ausübt, d.h. ob der Systemintegration auch eine Sozialintegration folgt. Als Indikator für geglückte Sozialintegration wird das Bestehen grenzüberschreitender informeller Solidarität unter den europäischen Bürgern herangezogen, die über Einstellungen zur länderspezifischen Finanzhilfe an die EU Mitgliedsstaaten Irland, Griechenland, Spanien und Italien operationalisiert wird. Analysiert werden Daten einer Umfragestudie „Fiskalische Solidarität in der Europäischen Union“ (FSEU), die 2012 in Deutschland und Portugal durchgeführt wurde.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die der beschleunigten Systemintegration folgende Sozialintegration begrenzt ist. Solidarische Einstellungen werden vorwiegend von der eigenen Betroffenheit bestimmt. So befürworten Portugiesen, deren Land selbst stark von der Finanzkrise stark betroffen ist, Finanzhilfe eher als Deutsche, die in einem wirtschaftlich stabilen Land leben. Personen mit europäischer Identität favorisieren länderspezifische Finanzhilfe, während nationalistisch eingestellte Personen diese zurückweisen. Zudem beeinflusst Netzwerkeinbettung die Entscheidung, ob Finanzhilfe gewährt werden soll. Regelmäßige Kontakte zu EU Ausländern rufen Ablehnung von Finanzhilfe an südeuropäische Länder und Irland hervor. Trennt man die Netzwerkkontakte nach Kontakten in die südeuropäischen EU-Mitgliedstaaten und Irland auf, so  zeigt sich, dass Netzwerkeinbettung in Erstere Ablehnung und in Letzteres Akzeptanz von Finanzhilfe hervorrufen. So scheint die Netzwerkeinbettung die Einschätzung, ob bestimmte Länder würdige Empfänger von Finanzhilfe sind, die aus öffentlich zugänglichen Informationen getroffen werden, zu verstärken. Südeuropäische Länder scheinen in der öffentlichen Wahrnehmung selbstverschuldet in die Krise geraten zu sein und die Rückzahlungskapazität der Finanzhilfe erscheint begrenzt, da hier starke korrupte Strukturen vorherrschen, die wiederum durch auf Statuserhalt angelegte Wohlfahrtsysteme gefestigt werden. Zudem zeigen massive öffentliche Demonstrationen auf, dass die Finanzhilfe und Austeritätspolitik von den Bürgern unerwünscht ist. Irland hingegen erscheint als würdig bedürftig, da es weniger korrupte staatliche Strukturen aufweist, ein auf Eigeninitiative angelegtes liberales Wohlfahrtssystem hat und derart massive Demonstrationen gegen die Sparpolitik, wie sie in Südeuropa stattfanden, nicht erfolgten.

Schlagworte


länderspezifische Finanzhilfe; Solidarität; Vernetzung europäischer Bürger

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