Schwanger! Eine biografische und theoretische Krise

Stefan Hirschauer

Abstract


Ein ungeborenes Wesen im Bauch ist zugleich maximal nah und doch nicht ohne Weiteres kommunikativ erreichbar. Es präsentiert sich in einer ganz eigenen Kombination aus Nähe und Ferne: als ein inwändiger Auswärtiger. Und auf der anderen Seite zerrt an dieser Inwändigkeit eine ungeheure öffentliche Aufmerksamkeit. Die Soziologie hat den Schwangeren in dieser Lage bislang nicht viel zu bieten, scheint sie doch selbst von deren Zustand theoretisch überfordert. Ist dieses Dividuum ein ‚Akteur’, die Zeugung von Kindern eine ‚Entscheidung’, diese intrakorporale Begegnung eine ‚Interaktion’, diese Symbiose eine ‚soziale Beziehung’? Der Vortrag versucht auf der Basis einer fünfjährigen explorativen Studie Schwangerschaft und Soziologie miteinander ins Gespräch zu bringen. Er plädiert dafür, die Schwangerschaft konzeptuell von den Austragenden zu dezentrieren, in deren Körpern sie biologisch, medizinisch und alltagsweltlich verortet wird. ‚Schwangerschaft’ ist der Name einer massiven Vergesellschaftung von Kindsaus­trägern, sie ist ein kollektiver Erwartungszustand, in den Frauen schon lange von einer Befruchtung durch ihre soziale Schwängerung hineingeraten.

Schlagworte


Koschwangerschaft; Gynisierung der Fortpflanzung; Inwändige Interaktionspartner

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Literaturhinweise


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