Familie als Netzwerk? Hilfen jenseits von Haushaltsgrenzen

Bettina Isengard, Ronny König, Marc Szydlik

Abstract


Die viel thematisierte und diskutierte „Krise der Familie“ hat zahlreiche Gesichter. Angehörige, so wird behauptet, gehen verstärkt eigene Wege, ein verlässlicher Zusammenhalt sei kaum erkennbar, Partner trennen sich, Eltern und Kinder stünden entweder in permanentem Konflikt oder hätten sich nichts mehr zu sagen. Dies gilt besonders für Familienverhältnisse, die durch getrennte Haushalte geprägt sind. Einerseits steigt der Bedarf an Unterstützung, andererseits zeigen sich zunehmende Herausforderungen und Unsicherheiten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern Familie heutzutage überhaupt als soziales Netzwerk begriffen werden kann, und zwar vor allem, wenn die Angehörigen nicht (mehr) im selben Haushalt leben. Der Beitrag widmet sich funktionalen Unterstützungsleistungen in Form von Zeit und Geld. In welchem Ausmaß zeigen sich zeitliche und finanzielle Transfers über Haushaltsgrenzen hinweg? Dabei wird zwischen Eltern, Kindern, anderen Verwandten, Freunden, Arbeitskollegen und Bekannten unterschieden. Einbezogen sind a) praktische Hilfen im Haushalt und Garten, bei Reparaturen oder beim Einkaufen, b) bürokratische Hilfen z.B. beim Ausfüllen von Formularen, c) persönliche Pflege, d) Kinderbetreuung sowie e) finanzielle Unterstützungen mittels Geld- oder Sachgeschenken.

Die empirischen Befunde für 14 europäische Länder einschließlich Deutschlands basieren auf dem Survey of Health, Ageing, and Retirement in Europe (SHARE). Sie belegen, dass auch jenseits von Haushaltsgrenzen ein großes Maß an sozialer Verbundenheit existiert. Vor allem Eltern und (erwachsene) Kinder übernehmen Verantwortung und sorgen füreinander. Andere Verwandtschaftsbeziehungen und Nichtverwandte sind als soziale Unterstützungsnetzwerke ebenfalls relevant, aber im Vergleich mit den Familiengenerationen weniger ausgeprägt.


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