Arbeit und Kooperation asylbezogener Organisationen in Griechenland vor und nach dem Regierungswechsel

Anna Mratschkowski

Abstract


Das Gemeinsame Europäische Asylsystem schreibt bekanntlich einheitliche Standards und Verfahren in Bezug auf Flüchtlingsfragen in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vor. Die Anerkennungsraten und Lebensbedingungen von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen in verschiedenen europäischen Ländern unterscheiden sich dennoch drastisch (EASO 2015: 27). Es gibt eine offensichtliche Kluft zwischen offiziellen Deklarationen (‘talk’) und tatsächlichem Verhalten (‘action’) in der Europäischen Union, zwischen nationalen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen.

In diesem Zusammenhang stellen sich die folgenden Fragen: Welche kollektiven Akteure und Akteurinnen sind in diesem Bereich involviert? Wer kann die Asylsituation beeinflussen und ein Flüchtlingsdesaster verhindern? In welchem Ausmaß kooperieren diese Akteure und Akteurinnen miteinander und welche Rolle spielen sie dabei? Das Lehrforschungsprojekt "Mapping refugees’ arrivals at Mediterranean borders (MAREM)” an der Ruhr-Universität Bochum arbeitet an der Beantwortung dieser Fragen, die in der Forschung bis jetzt nicht ausreichend behandelt wurden. Das Projekt strebt an, diese Forschungslücke unter Einbeziehung des theoretischen Ansatzes des Neo-Institutionalismus (Meyer, Rowan 1977; DiMaggio, Powell 1983; Oliver 1991) zu schließen. Da das Gemeinsame Europäische Asylsystem ein supranationales Rahmenwerk wenig balancierter Machtbeziehungen ist, sind Legitimationsstrategien der Organisationen gegenüber ihrem organisationalem Feld (talk) von ihrem Verhalten (action) entkoppelt. Trotzdem kann antizipiert werden, dass kollektive Akteure und Akteurinnen auf multiplen Ebenen miteinander verflochten sind und so, auf lange Sicht gesehen, einen europäischen öffentlichen Raum der Asylfragen kreieren werden, in dem kollektive Akteure dem Zwang unterliegen, sich legitimieren zu müssen (Gansbergen, Pries 2015).

In diesem Beitrag werden die asylbezogenen organisationalen Akteure und Akteurinnen in Griechenland analysiert. Das primäre Ziel dabei ist, die Rolle der flüchtlingsbezogenen Organisationen und deren Kooperationsnetzwerken zu beleuchten. Diese können eine Rolle bei der Entwicklung eines nationalen und europäischen Asylsystems spielen. Des Weiteren werden ausgewählte Ergebnisse des MAREM-Projekts präsentiert und kommentiert. Danach werden einige der Hauptfragen des Projekts aus wissenschaftlicher Perspektive beantwortet: Ist ein europäisches Asylsystem im Begriff zu entstehen? Welche Rolle spielen asylbezogene Organisationen mit ihren Kooperationsnetzwerken in diesem Kontext und bei der Erklärung der Lücke zwischen talk und action?


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Literaturhinweise


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