Von Problemen zu Herausforderungen: Ein neuer Modus der Konstruktion von Objektivität zwischen Wissenschaft und Politik

David Kaldewey

Abstract


Große gesellschaftliche "Herausforderungen" sind eine Entdeckung des späten 20. Jahrhunderts. Natürlich sind Gesellschaften schon immer mit Großproblemen konfrontiert gewesen, doch erst seit etwa drei Jahrzehnten beobachtet man die Stabilisierung einer genau dies explizierenden Semantik. In den 1980er Jahren beginnt man, von "Global Challenges" zu sprechen; wenig später etabliert sich im Kontext der US-amerikanischen Wissenschaftspolitik der zuvor nur in sportlichen Kontexten verwendete Ausdruck "Grand Challenges"; und im aktuellen EU-Forschungsrahmenprogramm "Horizon 2020" sind die für den europäischen Bürger dringlichsten "Societal Challenges" zu einer neuen, mit knapp 30 Milliarden Euro ausgestatteten Säule der Förderpolitik geworden.

Die neue Semantik evoziert ein Set von Großproblemen, deren Bearbeitung als dringliche Aufgabe der Gesellschaft und ihrer Teilsysteme wahrgenommen wird: Etwa die Erderwärmung, die Energiesicherheit oder der demographische Wandel. Die EU präsentiert konkret sieben solcher Herausforderungen, eine vielleicht nicht ganz zufällige Zahl, wenn man sich erinnert, dass in den 1980er Jahren Ossip Flechtheim in Analogie zu den sieben Todsünden der katholischen Theologie von "sieben existentiellen Herausforderungen" der Menschheit gesprochen hatte. Wissenschaftspolitische Programme, so lässt sich entsprechend festhalten, bedürfen einer und konstruieren eine Tatsächlichkeit von Sachlagen und Sachzwängen, denen sich die Weltgesellschaft im Allgemeinen und die Wissenschaft im Besonderen zu stellen hat.

Der Vortrag stellt die These zur Diskussion, dass es sich bei der Rede von "Grand Challenges" nicht einfach um eine neue wissenschaftspolitische Rhetorik handelt, etwa analog den älteren Diskussionen um eine problemorientierte oder transdisziplinäre Forschung, sondern um einen neuen Modus der Konstruktion von Objektivität. Die Entstehung und Entwicklung des Diskurses und seiner Vorläufer wird historisch aufgearbeitet. Sichtbar wird damit erstens eine Verschiebung vom alten Begriff der "gesellschaftlichen Probleme" zum Neologismus der "großen Herausforderungen". Zweitens zeigt sich, dass mit dem semantischen Wandel neue Werte und gesellschaftliche Rationalitätsformen Eingang in die Identitätsarbeit der Wissenschaft finden, nicht zuletzt die im Begriff der "challenge" kondensierte Logik von Sport und Wettbewerb.


Schlagworte


Wissenschaftspolitik; soziale Probleme; große Herausforderungen; Objektivität; Sportifizierung der Wissenschaft

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