Berufseinstieg und Mobilitätsprozesse im Modernisierungsprozess und im Auf und Ab der Arbeitsmarktlage. Eine A-P-K-Analyse der Karrieren von Männern in Westdeutschland

Rolf Becker, Hans-Peter Blossfeld

Abstract


Nach Max Weber liegt soziale Schließung nach innen vor, wenn Erwerbs- und Mobilitätschancen einzelner Personen oder Gruppen in Betrieben und Beschäftigungsverhältnissen systematisch eingeschränkt werden. Auf diese Weise führt soziale Schließung über die Monopolisierung von Chancen bei einer Gruppe zum Zuwachs von Einkommen, Prestige und Macht, während den ausgeschlossenen Personen und Gruppen solche Ressourcen für die Marktlage und Lebensführung vorenthalten werden. Über Berufsverläufe und Mobilitätsprozesse im Lebensverlauf betrachtet, führen geringe Unterschiede beim Berufseintritt zur Kumulation sozialer Ungleichheit über die Lebenszeit hinweg. Hierbei kommen individuelle Ressourcen über Strukturen und Institutionen der Betriebe, Arbeitsmärkte und beruflichen Stellung im Betrieb zur Geltung. Arbeitgeber fungieren als „gate keeper“ für Marktlage, Mobilitätschancen und Chancen einer bestimmten Lebensführung. Prozesse der sozialen Schließung durch Arbeitgeber und die Wirkung institutioneller Regelungen segmentierter Arbeitsmärkte sind nicht unabhängig von der Entwicklung sektoraler und berufsstruktureller Kontexte sowie von ökonomischen Konjunkturen.

Im vorliegenden Vortrag wird für Westdeutschland in der Zeit von 1945 bis 2008 der Frage nachgegangen, ob und inwieweit der ökonomische Strukturwandel und die konjunkturabhängige Arbeitsmarktlage zur sozialen Schließung von intragenerationaler Mobilität beitragen. Zudem soll untersucht werden, ob die Akkumulation individueller Ressourcen zur sozialen Schließung von Mobilitätschancen führt.  Mit Längsschnittdaten der Deutschen Lebensverlaufsstudie sowie der ALWA-Studie wird unter besonderer Berücksichtigung von Alters-, Perioden- und Kohorteneffekten das Zusammenspiel dynamischer Schließungsprozesse auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene und der individuellen Ebene (der Beschäftigten) analysiert.

Wie und für welche Gruppen werden Chancen für berufliche Auf- und Abstiege strukturiert und monopolisiert? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem ökonomischen Strukturwandel, der Entwicklung der Arbeitsmarktlagen und der Mobilität?

Schlagworte


A-P-K-Analyse; Ereignisanalyse; berufliche Mobilität; Berufsverläufe

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


Arntz, M., Gregory T., Zierahn, U. 2016: The risk of automation for jobs in OECD countries: A comparative analysis. OECD Social, Employment and Migration Working Papers, No. 189. Paris: OECD Publishing.

Becker, R. 2001: Reliabilität von retrospektiven Berufsverlaufsdaten. ZUMA-Nachrichten 25, 29–56.

Becker, R., Blossfeld, H.-P. 2016: Entry of men into the labour market in West Germany and their career mobility (1945–2008). A long-term longitudinal analysis identifying cohort, period, and life-course effects. Bern und Florenz: unveröffentlichtes Manuskript.

Becker, R., Blossfeld, H.-P. 1991: Cohort-specific effects of the expansion of the welfare state on job opportunities: A longitudinal analysis of three birth cohorts in the Federal Republic of Germany. Sociologische Gids, 38. Jg. Heft 4, 261–284.

Bell, D. 1975, The coming of the post-industrial society. New York: Basic Books.

Bertelsmann Stiftung, 2013: Mittelschicht unter Druck? Bielefeld: Bertelsmann Stiftung.

Blauner, R. 1975: Entfremdung, Technologie und Arbeitsqualifikation bei tendenzieller Höherqualifizierung der Gesamtarbeitskraft. In A. Hegelheimer (Hg.), Texte zur Bildungsökonomie. Berlin: Ullstein, 446–451.

Blossfeld, H.-P. 1985: Berufseintritt und Berufsverlauf. Eine Kohortenanalyse über die Bedeutung des ersten Berufes in der Erwerbsbiographie. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 18. Jg., Heft 2, 177–197.

Blossfeld, H.-P. 1987: Karriereprozesse im Wandel der Arbeitsmarktstruktur. Ein dynamischer Ansatz zur Erklärung intragenerationaler Mobilität. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 20. Jg., Heft 1, 74–88.

Blossfeld, H.-P., Buchholz, S., Hofäcker, D. 2006a: Globalisation, uncertainty, and late careers in society. London: Routledge.

Blossfeld, H.-P., Buchholz, S., Hofäcker, D., Kolb, K. (Hg.), 2011: Globalized labour markets and social inequality in Europe. New York: Palgrave Macmillan.

Blossfeld, H.-P., Hofmeister, H. 2006b: Globalisation, uncertainty and women's careers: an international comparison. Chesterham, UK, and Northampton MA, USA: Edward Elgar.

Blossfeld, H.-P., Klijzing, E., Mills, M., Kurz, K. (Hg.), 2005: Globalisation, uncertainty, and youth in society. London: Routledge.

Blossfeld, H.-P., Mayer, K.U. 1991: Berufsstruktureller Wandel und soziale Ungleichheit. Entsteht in der Bundesrepublik Deutschland ein neues Dienstleistungsproletariat? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 43. Jg., Heft 4, 671–696.

Blossfeld, H.-P., Mills, M., Bernardi, F. 2006c: Globalisation, uncertainty and men's careers: an international comparison. Chesterham, UK, and Northampton MA, USA: Edward Elgar.

Bosch, G., Kalina, T. 2015: Die Mittelschicht in Deutschland unter Druck, IAQ–Report 2015–04, Institut Arbeit und Qualifikation. Universität Duisburg Essen.

Braverman, H. 1977: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess. Frankfurt am Main: Campus.

Brückner, E. 1990: Die retrospektive Erhebung von Lebensverläufen. In K.U. Mayer (Hg.), Lebensverläufe und sozialer Wandel. Opladen: Westdeutscher Verlag, 374–404.

Brückner, E., Mayer, K.U. 1998: Collecting life history data: experiences from the German life history study. In J.Z. Giele, G.H. Elder (Hg.), Methods of life course research. Qualitative and quantitative approaches. Thousand Oaks: Sage, 152–183.

Brückner, H., Mayer, K.U. 1995: Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel. Konzeption, Design und Methodik der Erhebung von Lebensverläufen der Geburtsjahrgänge 1954-1956 und 1959–61. Materialien aus der Bildungsforschung Nr. 48. Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

DiPrete, T.A., deGraaf, P.M., Luijkx, R., Tahlin, M., Blossfeld, H.-P. 1997: Collectivist versus individualist mobility regimes? Structural change and job mobility in four countries. American Journal of Sociology, Vol. 103, No. 2, 318–358.

Erikson, R., Goldthorpe, J.H. 1993: The constant flux: A study of class mobility in industrial societies. Oxford: Oxford University Press.

Grabka, M.M., Frick, J.R. 2008: Schrumpfende Mittelschicht Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen? Wochenbericht, 10/2008. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, 101–108.

Groh-Samberg, O., Hertel, F.R. 2010: Abstieg der Mitte? Zur langfristigen Mobilität von Armut und Wohlstand. In N. Burzan, P.A. Berger (Hg.), Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte. Wiesbaden: Springer+VS Verlag, 137–157.

Herbert-Quandt-Stiftung (Hg.), 2007: Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland – ein Lagebericht. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag.

Hillmert, S. 2004: Die Westdeutsche Lebensverlaufsstudie Kohorten 1964 und 1971: Projekt, Datenerhebung und Edition. In S. Hillmert, K.U. Mayer (Hg.), Geboren 1964 und 1971. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 215–230.

Kern, H., Schumann, M. 1970: Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein. Frankfurt: Suhrkamp.

Kleinert, C., Matthes, B., Antoni, M., Drasch, K., Ruland, M., Trahms, A. 2011: ALWA – New life course data for Germany. Schmollers Jahrbuch, 131. Jg., Heft 4, 625–634.

Matthes, B., Drasch, K., Erhardt, K., Künster, R., Valentin, M.-A. 2012: Arbeiten und Lernen im Wandel. Teil IV: Editionsbericht. FDZ – Methodenreport 03/2012 (de) IAB. Nürnberg.

Mayer, K.U. 2008: Retrospective longitudinal research: the German life history study. In W.M. Scott (Hg.), Handbook of longitudinal research: design, measurement and analysis. San Diego: Elsevier, 85–106.

Mayer, K.U., Grunow, D., Nitsche, N. 2010: Mythos Flexibilisierung? Wie instabil sind Berufsbiografien wirklich und als wie instabil werden sie wahrgenommen? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62. Jg., Heft 3, 369–402.

Mayer, K.U., Huinink, J. 1990: Alters-, Perioden- und Kohorteneffekte in der Analyse von Lebensverläufen oder: Lexis ade? In K.U. Mayer (Hg.), Lebensverläufe und sozialer Wandel. Opladen: Westdeutscher Verlag, 442–460.

Nachtwey, O. 2016: Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.

Niehues, J. 2014: Die Mittelschicht – stabiler als gedacht. Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ), 49. Jg., 1–2.

Sørensen, A.B. 1986: Theory and methodology in social stratification. In U. Himmelstrand (Hg.), The sociology of structure and action. London: Sage, 69–95.

Treiman, D.J. 1970: Industrialization and social stratification. In E.O. Laumann (Hg.), Social stratification: research and theory for the 1970s. New York: Bobbs–Merrill Company, 207–234.

Wegener, B. 1988: Kritik des Prestiges. Opladen: Westdeutscher Verlag.


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2017 Geschlossene Gesellschaften - 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie