Wechselwirkungen, Kompensationen und Ambivalenzen von Nicht/Anerkennung im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter

Christine Wimbauer, Mona Motakef

Abstract


Nach Axel Honneths (1994, 2003, 2011) Anerkennungstheorie sind die Menschen zwingend auf intersubjektive Anerkennung durch andere angewiesen, denn nur in der Bestätigung durch andere können sie ein ungestörtes Selbstverhältnis entwickeln. So streben die Menschen nach Anerkennung für das, was sie tun, und hierfür ist in gegenwärtigen westlichen Gesellschaften Erwerbsarbeit eine wesentliche Quelle. Zum anderen möchten sie Anerkennung ihres höchstpersönlichen So-Seins, wofür Nah- und Paarbeziehungen zentral sind. Anerkennung ist allerdings ungleich verteilt (Wimbauer 2012) wie etwa nach beruflicher Position, (Aus-)Bildung, Migrationshintergrund oder Geschlecht in der Erwerbssphäre. Nicht erwerbstätige Menschen sind von Anerkennung aus der Erwerbssphäre komplett ausgeschlossen.

Wie gestalten sich die Anerkennungsverhältnisse bei prekär Beschäftigten? Prekäre Beschäftigungsverhältnisse gehen zumindest potentiell mit Anerkennungsdefiziten einher, die vielfältig zum Ausdruck kommen können: Befristete Beschäftigungsformen, Beschäftigungen in Teilzeit, als Leiharbeiter*in, im Niedriglohn- und Niedrigeinkommensbereich sind oft mit unsicheren und schlechten Arbeitsbedingungen verbunden, mit geringen Einkommen und wenig Selbstverwirklichungsmöglichkeiten (Motakef 2015). In dem Vortrag, der diesem Beitrag zugrunde lag, fokussierten wir aus einer Perspektive auf den gesamten Lebenszusammenhang Anerkennung bei prekär Beschäftigten: Kann fehlende Anerkennung in der Erwerbssphäre durch Anerkennung in persönlichen Nahbeziehungen oder anderweitig abgefedert oder sogar ausgeglichen werden? Unsere theoretischen Grundlagen sind Axel Honneths Sphärentheorie der Anerkennung, die wir um prekarisierungs- und anerkennungstheoretische Überlegungen von Judith Butler ergänzen. Mit Butler entwickeln wir dabei eine Sensibilität für Ambivalenzen und Paradoxien von Anerkennungsverhältnisse und fragen nach der Bedeutung der Rahmen der Anerkennbarkeit.

Wir stellten erste Ergebnisse aus dem Projekt „Ungleiche Anerkennung? ‚Arbeit‘ und ‚Liebe‘ im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter“ (DFG AZ Wi2142/5-1) vor. Befragt wurden acht prekär Beschäftigte, die nicht in einer Paarbeziehung leben und sieben prekär beschäftigte Paare in narrativ-(paar-)bio­gra­phi­schen Paar- und Einzelinterviews zu den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Aus Platzgründen beschränken wir uns hier auf Ergebnisse zu prekär Beschäftigten Singles. Wenn wir von Lebenszusammenhang sprechen, fokussieren wir in diesem Beitrag Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit, Nahbeziehungen sowie Selbstsorge.

Wir zeigten, dass Nichtanerkennungsprozesse im Lebenszusammenhang nicht als einseitig kausale Phänomene zu verstehen sind. Das heißt, Anerkennungsdefizite in der Erwerbssphäre, die sich bei allen befragten prekär beschäftigten Singles auffinden ließen, führen nicht automatisch zu Nichtanerkennung etwa auch in Nahbeziehungen, kulminieren also nicht notwendig. Vielmehr zeigen sich komplexe Wechselwirkungen im gesamten Lebenszusammenhang und Ambivalenzen von Nicht/Anerkennung. Wir stellten zwei Konstellationen solcher Wechselwirkungen anhand exemplarischer Fälle (Veronika V. und Ulrike U.) vor:

1. Gelungene Kompensation oder Vererträglichung beruflicher Nichtanerkennung: Zwei der acht Befragten verfügen über eine biographisch bedingte berufliche ‚Nichtanerkennungsresistenz‘ und können subjektiven Sinn und Anerkennung auch jenseits von prekärer Erwerbsarbeit und einer nicht vorhandenen Partnerschaft generieren. Anerkennungsdefizite in der Erwerbssphäre werden hier also etwa durch Freundschaften oder alternative Sinnorientierungen ansatzweise kompensiert oder (temporär) vererträglicht. Wie wir anhand des Fallbeispiels Veronika zeigen, ist dies nur im Lebenszusammenhang, also unter Berücksichtigung weiterer Lebensbereiche, zu verstehen.

2. keine Kompensation, sondern ambivalente Anerkennung: Doch es gibt auch Fälle, in denen berufliche Nichtanerkennung weniger deutlich oder nicht durch Anerkennung in anderen soziale Beziehungen oder durch Selbstanerkennung vererträglicht oder kompensiert wird. Insbesondere kommen bei einigen der befragten Singles körperliche Einschränkungen, chronische Krankheiten und/oder psychische Belastungen zur prekären Arbeitssituation hinzu, was sich zu Verlaufskurven und Ausschlüssen aus der Erwerbs- wie aus der ‚Liebessphäre‘ verdichten kann. Hierbei gibt es Fälle, in denen eine zu Erwerbsarbeit alternative Sinnorientierung gar nicht existiert bzw. nicht geschaffen werden kann oder bei denen sich Kompensationsversuche von Nichtanerkennung in der Er­werbs- und Paarbeziehungssphäre durch alternative Vergemeinschaf­tungen als fragil, ambivalent und teils selbstdestruktiv gestalten. Auch dies veranschaulichen wir an einem exemplarischen Fall.


Schlagworte


Anerkennung; Prekarisierung; Honneth; Butler

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Literaturhinweise


Honneth, A. 1994: Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Honneth, A. 2003: Umverteilung als Anerkennung. Eine Erwiderung auf Nancy Fraser. In N. Fraser, Nancy, A. Honneth (Hg.), Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 129–224.

Honneth, A. 2011: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Motakef, M. 2015: Prekarisierung. Bielefeld: transcript.

Wimbauer, C. 2012: Wenn Arbeit Liebe ersetzt. Doppelkarriere-Paare zwischen Anerkennung und Ungleichheit. Frankfurt a.M./New York: Campus.


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