Gelingende und misslingende Zugangsprozesse zu bürgerschaftlichem Engagement – ein ethnografischer Versuch, die Analyse von sozialen Praktiken und Affekten zu verknüpfen

  • Chantal Munsch Universität Siegen
  • Sophie Kröckel
  • Astrid Linke
  • Silvia Marinello
  • Jennifer Reinhardt
  • Katrin Sasserath
  • Yeliz Yilmaz_Pfeifer
Schlagworte: Ethnografie, soziale Praktiken, Zugang, Subjektivität der Forschenden, Affekte, bürgerschaftliches Engagement, Lehrforschung, Grounded Theory Methodology, Positionierungen

Abstract

Die Studie erprobt einen ethnografischen Zugang zu Zugangsprozessen im bürgerschaftlichen Engagement. Aus praxistheoretischer Perspektive werden Zugänge nicht (wie in der Engagementforschung üblich) durch Entscheidungen Einzelner begründet. Ob die motivierte, engagementbereite Person einen gelingenden Zugang zum Engagement findet, wird vielmehr durch Interaktionen im Rahmen kontextspezifischer Verhaltensroutinen zu erklären versucht. Anhand von drei ethnografischen Beispielen wird rekonstruiert, wie neue Feldteilnehmer_innen in kontextspezifischen sozialen Praktiken mit Etablierten Zugang herstellen. Konstitutiv für den Forschungszugang ist das subjektive Erleben der teilnehmenden Beobachter_innen. Dadurch wird deutlich, wie spezifische soziale Praktiken die Neuen in besonderer Weise affizieren. Die Affekte zeigen die Prozessualität der Zugänge an, sie verweisen auf Wendepunkte in den Zugangsprozessen. Die zugangsstrukturierenden sozialen Praktiken zeichnen sich (bei aller Unterschiedlichkeit) dadurch aus, dass sie die Neuen im Feld positionieren. Sie ergeben sich aus bestimmten Bedingungen der jeweiligen Engagementbereiche – sind aber gleichzeitig nicht unbedingt auf bürgerschaftliches Engagement als solches beschränkt: Im Rahmen von fabrikähnlichem Schaffen positioniert sich die Neue als eine, die gut anpacken kann; im Kontext von intimen Gesprächen wird eine andere zur Außenstehenden und die Praktik der freundlichen Anteilnahme im dritten Beispiel schließt alle Beteiligten gleichermaßen ein. Als zugangsstrukturierend erweisen sich alltägliche soziale Praktiken, nicht besondere Inszenierungen und Rituale, die etablierte Feldmitglieder für die Aufnahme von neuen vorsehen.

Autor/innen-Biografien

Chantal Munsch, Universität Siegen

Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Siegen, Fakultät II: Bildung Architektur Künste, Department Erziehungswissenschaft Psychologie

 

Sophie Kröckel
Absolventin des Masterstudienganges "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen
Astrid Linke
Dipl.-Sozialarbeiterin/Dipl.-Sozialpädagogin, Studentin des Masterstudienganges "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen
Silvia Marinello
B.A. Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und Studentin des Masterstudienganges "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen
Jennifer Reinhardt
Sozialarbeiterin (B.A.), Studentin des Masterstudiengangs "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen
Katrin Sasserath
Dipl.-Sozialarbeiterin/Dipl.-Sozialpädagogin, Absolventin des Masterstudienganges "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen
Yeliz Yilmaz_Pfeifer
Studentin des Masterstudiengangs "Bildung und Soziale Arbeit" an der Universität Siegen

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Veröffentlicht
2017-06-16
Rubrik
Ad-Hoc: Bürgerschaftliches Engagement als geschlossene Gesellschaft?