Körper-Ding-Assemblagen der Selbstvermessung. Theoretische Zugänge im empirischen Vergleich

Karolin Kappler, Eryk Noji

Abstract


Unter den Begriffen „Self-Tracking“, „Quantified Self“ oder auch „personal analytics“ entstehen derzeit noch sehr heterogene Taxonomien und Bewertungspraktiken, deren Ziel es ist, den menschlichen Körper, die individuelle Lebensführung und das Selbst berechenbar zu machen: Von der Messung des Schlafverhaltens, der sportlichen und sexuellen Aktivität über die Auswertung von Gefühlsschwankungen und der Arbeitsproduktivität bis zum ‚Sharing‘ dieser Daten im Internet bildet sich ein breites Spektrum kalkulativer Wissenspraktiken.

Selbstvermessungspraktiken bilden sinnlich-materielle Verschränkungen von Menschen und Technik, denn, ob Armband am Handgelenk, Brustgurt oder Smartphone in der Tasche, häufig wird die Technik direkt und für längere Zeiträume an den Körper angebunden oder muss zumindest punktuell in seine Nähe gebracht werden, um die Vermessungen bewerkstelligen zu können. Damit gerät neben der Technik und dem Körper auch der Leib, als Ausgangspunkt menschlicher Erfahrung und In-der-Welt-seins, in den Fokus kalkulativer Praktiken der Selbstkontrolle. In der Leibmessung offenbart sich für die Subjekte Neues in Hinblick auf ihr Selbst, wird das Selbst für sich und andere in neuer Weise medial hervorgebracht und darstellbar (Vormbusch/Kappler 2014).

Jedoch ist unklar, aus welcher theoretischen Perspektive man solche Schnittstellen aus Körper und Technik, die den impliziten Leib in explizite Messergebnisse übersetzt, beobachten soll. Hierzu wird ein prägnantes empirisches Fallbeispiel eines Selbstvermessers und seiner Alltagspraktiken mit Hilfe verschiedener theoretischer Zugänge beschrieben und interpretiert. Hierfür folgen wir den unterschiedlichen Blickwinkel der pragmatistischen Techniksoziologie, Körper-Leib-Phänomenologie und der Ökonomie der Konventionen, um die jeweiligen Vorzüge, aber auch blinden Flecken wechselseitig herausarbeiten zu können. Aus diesem Vergleich wird die Tragweite deutlich, die den Perspektiven zugrunde liegende Konzepte des Körpers, ggf. des Leibes und der Technik in der Interpretation spielen. Daraus leiten wir unser theoretisch-methodisches Vorgehen ab, welches die von der Ökonomie der Konventionen vernachlässigte Objekt- und Körper/Leibwelten mit in die Analyse aufnimmt und die Untersuchung eine Konvention „in the making“ ermöglicht. In diesem Sinne lässt sich die Selbstvermessung als eine entstehende Praxis beschreiben, in der Akteure versuchen, zu einer Einigung hinsichtlich der Kriterien, d.h. Taxonomien, zu gelangen, wie sie selbst und die Gesamtheit ihrer Lebens- und Selbstbezüge beurteilt werden könnten. 


Schlagworte


Körpersoziologie; Phänomenologie; Techniksoziologie; Ökonomie der Konventionen, Selbstvermessung

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Literaturhinweise


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