Read The Fucking Manual. In- und Exklusion nicht-technischer User in Open Source Software Communities

Daniel Guagnin

Abstract


Durch die prinzipielle Aufhebung der Trennung von Entwickler und Nutzer durch offene Softwarelizenzen stellt sich, analog zur Erscheinung Nicht-Zertifizierter Experten in der Wissenschaft (Dickel und Franzen 2016), ein „Problem of Extension“ (Collins and Evans 2002), nämlich die Frage zu welchem Maße User in die Gestaltung der Software involviert werden sollten. Damit ergibt sich ein grundsätzliches Spannungsfeld zwischen Inklusion und Exklusion von Mitgliedern und deren Beiträgen in Freie / Open Source Software (FOSS) Communities.

Im Zentrum des vorgestellten empirischen Vergleichs von Linux-Communities stehen die Fragen: Welche Rolle spielen nicht-technische Nutzer in FOSS Communities? Wie organisieren und legitimieren verschiedene Communities die Selektion ihrer Mitglieder? Und wie wirken sich diese sozialen Setzungen aus auf das gemeinsam entwickelte Produkt?

Linux-Distributionen stellen ihren Usern Software zur Verfügung und machen somit den Computer als Handlungsressource zugreifbar. Ausgehend vom grundsätzlichen Primat der Offenheit bilden sich epistemische Regime aus, die die Partizipationsmöglichkeiten der User definieren. Darüber hinaus fließt das normative Grundverständnis welche Kompetenzen ein User mitbringen sollte in die gemeinsame Softwareproduktion ein.

Die Analyse der betrachteten Fälle beleuchtet nicht nur Grenzziehung zwischen Experten und Laien in den Communities, sondern gibt auch Einblicke in die Auswirkungen auf Partizipationsmöglichkeiten ihrer Mitglieder. Nicht zuletzt spiegelt die gemeinsam produzierte Technik die normativen Vorstellungen der Community wider, und wirkt zurück auf ihre Nutzer. Die Studie trägt bei zu einer Diskussion der Grenzen und Potentiale technik-zentrierter Partizipationskulturen.


Schlagworte


Open Source; Epistemische Regime; Offene Produktionsgemeinschaften; Wissen

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Literaturhinweise


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