Soziale Institution Lager: Theoretische Grundlagen, Flüchtlingslager und die Macht der lokalen Mikrostrukturen

Annett Bochmann

Abstract


Der folgende Beitrag diskutiert bekannte theoretische Ansätze, die einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der sozialen Institution Lager als totalitäres System leisten. Gleichzeitig werden, vermittels einer mikroanalytischen Perspektive, soziale Phänomene bestimmt, die diese Ansätze nicht beleuchten können und doch entscheidend für das Verständnis dieser Institution sind: Die Macht lokal etablierter Mikrostrukturen, die an soziale Situationen und Ereignisse gebunden bleiben. Diese Strukturen stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem provisorischen Charakter des Lagers und der (intendierten) zeitlichen Beschränktheit seines Gebrauchs. Die Identifizierung dieser sozialen Phänomene basieren auf empirischen Ergebnissen von Feldforschungen in burmesischen Flüchtlingslagern in Thailand zwischen 2011 und 2014 und bhutanischen Flüchtlingslagern in Nepal im Jahr 2008. Das Flüchtlingslager ist gegenwärtig die global weitverbreitetste Lagerinstitution und wird trotz aller Kritik weiterhin als eine international anerkannte politische Antwort auf Flucht und als Maßnahme zur Regelung von (Im)Mobilität bestehen bleiben. Daher bleibt die Auseinandersetzung mit der Institution Lager und dessen Strukturen nicht nur theoretisch und soziologisch, sondern auch politisch bedeutsam. 


Schlagworte


Lager; Heterotopie; Liminalität; Biopolitik; Anomalie; Normalität; Mikrosoziologie; (Im)Mobilität; Governance; Myanmar/Burma; Thailand; Nepal/Bhutan

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