Finanzmarktöffentlichkeiten soziologisch betrachtet – geschlossen/offen?

Dietmar Jürgen Wetzel

Abstract


Finanzmärkte und Öffentlichkeiten stehen nicht nur historisch betrachtet in einem spannungsreichen Wechselverhältnis (vgl. Langenohl & Wetzel 2014). Finanzkrisen, milliardenschwere Verluste und das medienwirksam inszenierte Platzen von Spekulationsblasen haben wiederholt zu einer Erschütterung und Infragestellung der Kritik- und Lernmöglichkeiten von Seiten einer informierten Öffentlichkeit geführt (Reinhart & Rogoff 2009). Genauso wie die bürgerliche Öffentlichkeit einen genuin eigenständigen Herrschaftsanspruch des Bürgertums dem absolutistischen Staat gegenüber zu begründen suchte, stellt die Formierung der Finanzmarktöffentlichkeit einen entsprechenden Anspruch gegenüber den übrigen Wirtschaftsakteuren dar (Kädtler 2005). Zunehmend rückt der Zusammenhang zwischen Öffentlichkeit, Macht und Kritik in den Vordergrund des (gesellschafts-)politischen Interesses. Finanzkrisen sind dabei als Ereignisse mit gesamtgesellschaftlicher Tragweite zu begreifen, die zu einer Veränderung der Öffentlichkeit führen können, wie nicht zuletzt das Beispiel Griechenland gezeigt hat. Finanzkrisen müssen in ihrer Wirkung als ambivalent begriffen werden: Einerseits können sie durchaus ein Erneuerungspotenzial für Kritik und Aufklärung darstellen, auch im Hinblick auf eine demokratische Kontrolle und Steuerung von Seiten der über Märkte generierten Finanzmarktöffentlichkeit. Andererseits induzieren sie auch Schliessungstendenzen, die in diesem Sinne freie Zugänge zu Informationen und Widerstände erschweren. Drei Themen werden in diesem Kontext mit Bezug auf die Frage nach „geschlossen“ und/oder „offen“ näher beleuchtet: (1) Versuche der Öffnung durch Gegenöffentlichkeiten: Deutlich wird gegenwärtig, dass Finanzkrisen als Ereignisse mit gesamtgesellschaftlicher Tragweite zu begreifen sind, die nicht nur zu einer Veränderung der Öffentlichkeit/en führen können, sondern auch Gegenöffentlichkeiten als solche evozieren (Lamla 2014). So versuchen im Hinblick auf eine demokratische Kontrolle von Finanzmärkten verschiedene politische Akteure und soziale Bewegungen vielfältige Aktionsformen zu nutzen, die von der Aufklärungsarbeit für Öffentlichkeit und Medien über Lobbytätigkeit bis zum öffentlichkeitswirksamen Protest reichen. Richard Grusin spricht mit Blick auf Occupy Wallstreet von einer „Prämediation von Finanzmarktpublika“ (Grusin 2014, vgl. dazu Wetzel 2016); (2)    Zwischen Öffnung und Schließung – Finanzmärkte als Signalgeber: Neben den teilweise für die Gesellschaft katastrophalen Folgewirkungen, die zwar öffentlichkeitswirksam inszeniert, aber gerade nicht bewältigt werden, stellen Finanzkrisen ein Erneuerungspotenzial für Kritik und Aufklärung dar, nicht zuletzt im Hinblick auf eine demokratische  Kontrolle  und  Steuerung  von  Seiten  der  über  Märkte  generierten Finanzmarktöffentlichkeit  –  auch  wenn  es  im  Moment  so  scheint,  als  könnten Finanzmärkte  die  politische  Öffentlichkeit  auf  die  Funktion  eines  Signalgebers reduzieren (Langenohl & Wetzel 2011); (3)    „Öffentliche Soziologie“: Weit mehr als durch das Ideal des freien Zugangs sind die Finanzmarktöffentlichkeit/en und die Zivilgesellschaft durch Vermachtung und Konflikt bestimmt. Das sieht auch Michael Burawoy so, sofern er nicht Öffentlichkeit schlechthin, sondern spezifische (Gegen-)Öffentlichkeiten adressieren will. Die öffentliche Soziologie muss entscheiden, welcher sie sich zuwendet. Diese strategische Entscheidung ist mit entsprechenden Folge- und Legitimationsproblemen verbunden, da diese ihrerseits für Öffnung und Schließung sorgen. Denn herkömmlich sind es bürgerlich-liberale oder linke Gegenöffentlichkeiten, denen sich die Öffentliche Soziologie zuwendet (vgl. dazu Wetzel & Bescherer 2016).


Schlagworte


Finanzmärkte; (Gegen-)Öffentlichkeit; öffentliche Soziologie; Occupy

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