Das Fehlen der Fabriken - Kritik des Klassismusbegriffs

  • Torsten Bewernitz freier Wissenschaftler
Schlagworte: Klasse, Klassismus, Operaismus, Habitus, soziale Mobilität, Klassenkampf

Abstract

Die Intention der Einführung des Klassismus-Begriffs in die wissenschaftliche Debatte ist eine kritische, es geht um den Abbau von Diskriminierungsmustern. Ohne die Bedeutung dieses kritischen Anspruchs herunterzuspielen, hat der Begriff jedoch einige ‚Geburtsfehler’, die in diesem Beitrag thematisiert und diskutiert werden sollen. Die Hauptkritikpunkte sind dabei die Aspekte, ob nicht (a) der Begriff des Klassismus habituelle Zuschreibungen sogar verstärkt, (b) die Klassismuskritik lediglich individuelle, aber keine kollektiven Lösungsmöglichkeiten anbietet, (c) die Betonung eines Opferstatus einem Empowerment entgegensteht und letztlich (d) der Klassismusbegriff zumindest theoretisch nicht zwischen einer Diskriminierung ‚unterer’ und ‚oberer’ Klassen unterscheiden kann. Diese Unschärfen in der Kritik resultieren u.a. daraus, dass die Klassismus-Kritik einen äußerst schwammigen Klassenbegriff verwendet, der – zumindest in der deutschsprachigen Literatur - vor allem ökonomische Aspekte meist ausblendet. Dennoch endet dieser Beitrag mit einem kurzen Ausblick darauf, wie der Begriff des Klassismus in der wissenschaftlichen wie auch in der politisch oder sozial engagierten Praxis produktiv genutzt werden kann.

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Veröffentlicht
2017-09-14
Rubrik
Ad-Hoc: Klassismus – Ein produktiver Ansatz zur Analyse klassenspezifischer Ausschlüsse?