Ehescheidung als diskursive Praxis der Rechtfertigung. Konzeptionelle Überlegungen und empirische Befunde

Thomas Mazzurana

Abstract


Der Beitrag plädiert für eine soziologische Betrachtung der Institution der Ehescheidung, die die Normen der Ehe und ihrer legitimen Auflösung in den Blick nimmt. Das explora­tive Forschungsinteresse gilt den subjektiven Begrün­dungen und Bewertungen der Scheidung – und damit den Wissens­beständen und Deutungs­mustern von Akteuren.

Ehescheidung wird im Anschluss an Boltanski als diskursive Rechtfertigungspraxis konzeptualisiert. Die Theorie der Rechtfertigung stellt die Frage, wie Akteure ihre Gerechtig­keits­prin­zipien zur Sprache bringen und ermöglicht es, die empirisch vorhandenen moralischen Ordnungen, auf die in der diskursiven Praxis implizit oder explizit Bezug genommen wird, zu rekonstruieren. Es ist gerade die Berücksichtigung der Wissensbestände von Akteuren und ihren normativen Strukturen, die ein Desiderat der Scheidungs­soziologie darstellt.

Den Beitrag schließt ein Ausschnitt aus der empirischen Forschung ab, der zeigt, auf welche normativen Ordnungen die Scheidungsbetroffenen in ihrer diskursiven Praxis vor einem Ostschweizerischen Familiengericht zurück­grei­fen.


Schlagworte


Ehescheidung; Rechtfertigung; Boltanski; Scheidung; Ehe

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