Back to the future: Von der Bereichshegemonie einer Bindestrichsoziologie zu soziologischen Beiträgen für eine nachhaltige Gesellschaftsentwicklung

Jens Jetzkowitz

Abstract


Als sich die AG und später die Sektion „Soziologie und Ökologie“ in der DGS gründete, war mit dem Namen ein Programm verbunden. Zumindest einige der damals Aktiven verfolgten mit der Selbstbeschreibung die Idee, neue Impulse in den Soziologiediskurs einzubringen und gesellschaftliche Relevanz zu entfalten anstatt akademische Fensterreden zu halten. Nicht eine Bindestrichsoziologie wollte man kreieren, sondern eine „Plattform zur Begegnung auch disziplinär unterschiedlicher Ansätze“ (Heinrichs et al. 2007, S. 203). Mit der Umbenennung in „Sektion Umweltsoziologie“ übernahm man nicht nur eine international gebräuchliche Redeweise; es wandelte sich auch die Selbstkonzeption. In der Profilierung als spezieller Soziologie brachte sich der Anspruch zum Ausdruck, für ein eigenes Forschungsfeld verantwortlich zu sein: Überall, wo fortan das Etikett „Umwelt“ (oder Anverwandtes wie „Natur“ oder „Ökologie“) draufklebt, gilt es, Zuständigkeit zu reklamieren. Verloren ging die Idee, den etablierten Soziologiediskurs herauszufordern und darauf hinzuweisen, dass eine offene Gesellschaft, in der sich Freiheit, Gleichheit (und vielleicht auch Solidarität) realisiert, materielle Ressourcen benötigt, die in einer Welt mit biophysischen Grenzen erzeugt werden müssten.

In Zukunft stünde es der Umweltsoziologie gut zu Gesicht, wenn sie nach ihrer Etablierung in den Wissenschaftsdisziplinen, ihrer Internationalisierung und Profilierung wieder das Projekt aufnähme, ihre Erkenntnisse zur Verwobenheit von Gesellschaften mit der materiellen Welt in die Naturwissenschaften und auch in die Soziologie zu emittieren. Hierzu muss m.E. kein Paradigmenwechsel ausgerufen werden. Stattdessen schlage ich vor, sich auf die theoriegeleitete empirische Untersuchung konkreter Natur-Gesellschafts-Wechselwirkungen zu konzentrieren: Wie hängen verschiedene gesellschaftliche Praktiken mit der Veränderung natürlicher Gegebenheiten zusammen? Welche Dynamiken entstehen zwischen ihnen? Indem sich die Umweltsoziologie daran beteiligt, Ko-Evolutionen systematisch zu erforschen, erzeugt sie Wissen, das in den Diskursen über nachhaltige Entwicklung fehlt. Und indem UmweltsoziologInnen zeigen, dass Fragen der biophysischen Begrenztheit für alle gesellschaftsbezogenen Analysen und Szenarienentwicklungen relevant sind, diffundiert die Idee, zum Wissen für eine nachhaltige Entwicklung beizutragen, in alle Verzweigungen soziologischer Forschung. Gelingt dies, kann sich die Sektion in etwa 30 Jahren auflösen.


Schlagworte


Umweltsoziologie; nachhaltige Entwicklung; Koevolution;

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