Ohren und Kopfhörer im öffentlichen Raum

David Waldecker

Abstract


Während sich Soziologie und Sozialtheorie spätestens seit der Einführung des Walkman mit der Rolle mobilen Musikhörens (vgl. die Arbeiten von Hosokawa und von Michael Bull) auseinandersetzen, bleibt dabei die Rolle eines zentralen Artefakts unterbelichtet: jene des Kopfhörers. Dies ist umso erstaunlicher, als dieser unabhängig von Medienformaten und Wiedergabe – sei es per Musikkassette oder Streaming-Diensten – benötigt wird und so seit mehr als 30 Jahren außer Haus genutzt wird. Diese Unterbeschäftigung verweist auf eine weitere: Die Soziologie ist in vielen ihrer Ausprägungen eine offenbar ohrlose Disziplin. Simmel hat das Ohr als ein passives Organ bezeichnet, da es anders als das Auge nicht selbst Informationen preisgibt: Man kann nicht hören, ob man gehört wird. Es wird jedoch im Alltag unterstellt, dass alle in einer Situation das gleiche hören – und es ist diese Annahme, die der Kopfhörer durchkreuzt. So wird der Kopfhörer auch bewusst zur Signalisierung von Gesprächsverweigerung benutzt und verweist damit auf die in der Soziologie oft vernachlässigte auditive Ebene von Interaktion und Erfahrung. In diesem Beitrag soll es darum gehen, durch die Beschäftigung mit Verwendungsweisen des Kopfhörers einen Blick auf die Rolle des Ohrs in der öffentlichen Interaktion zu werfen. Empirische Basis sind ethnographische Forschungen im öffentlichen Raum. Dabei ist vor allem von Interesse, in welchen Situationen das Ohr durch den Kopfhörer als verschlossen oder offen gilt, wie diese Verschließung bewertet und wie diese in der soziologischen Forschung gedeutet wird.

Schlagworte


Kopfhörer; Öffentlichkeit; Interaktion; Ethnographie; Klang; Sound Studies; Musik

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Literaturhinweise


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