Verfestigung männlicher Herrschaft im Finanzmarktkapitalismus? Ergebnisse einer Fallstudie im Bankensektor

Max Lill

Abstract


Prozesse der sozialen Schließung und Entsolidarisierung in Betrieben sind in den letzten Jahren vor allem mit Blick auf das Verhältnis von Kern- und Randbelegschaften intensiv diskutiert worden. Aber auch innerhalb der Stammbelegschaften und bis hinein in das Segment hochqualifizierter Fach- und Führungskräfte zeigen sich Tendenzen der Ausgrenzung und Machtkonzentration, in denen u.a. die Ungleichheitskategorie Geschlecht in neuer Weise wirksam wird: Einerseits werden betriebliche Geschlechterverhältnisse und Organisationskulturen innerhalb von Restrukturierungs- und Vermarktlichungsprozessen umgeformt, was mit veränderten Anforderungen und Zuschreibungsdynamiken gegenüber Männern und Frauen einhergeht. Andererseits führt der Wandel der außerbetrieblichen Lebens- und Geschlechterverhältnisse zu neuen Ansprüchen und Verpflichtungsbalancen der Subjekte, die sich auf eigensinnige Weise zu den vorgefundenen betrieblichen Bedingungen verhalten. In einem empirischen Projekt in der Landesbank Berlin, dessen Ergebnisse zur Diskussion gestellt werden sollen, fragten wir nach konkreten Mechanismen und Folgen dieses doppelten Umbaus betrieblicher Geschlechterverhältnisse. Ziel war zum einen, in den Handlungsorientierungen von Führungskräften Blockaden und mögliche Ansatzpunkte für gleichstellungspolitische Initiativen kenntlich zu machen. Zum anderen sollte die Brisanz (und De-Thematisierung) von Geschlechterpolitik im Kontext von Restrukturierung, renditeorientierter Leistungssteuerung und Finanzmarktkrise exemplarisch illustriert und analysiert werden.

Im Rückblick auf über zehn Jahre des Unternehmensumbaus wird die These entwickelt, dass sich eine geschlechterpolitisch widersprüchliche Konstellation abzeichnet: Autoritären Schließungsprozessen stehen neue Solidarisierungspotentiale aufgrund veränderter Ansprüche an Arbeit und Leben bei einem Teil der Führungskräfte gegenüber. Die kapitalmarktorientierte Restrukturierung begünstigte demnach die Persistenz und sogar Verschärfung männlicher Herrschaft in der Steuerung von Betrieb und Gesamtkonzern – eine für die Bankenbranche durchaus typische Entwicklung. Die gerade angesichts krisenhafter Umbrüchen vorhandenen Chancen für gleichstellungspolitische Weichenstellungen und eine partizipativere und sozial verantwortlichere Unternehmenskultur wurden auch deshalb nicht genutzt, weil die (männlichen) Führungskräfte ihre Rolle als Strukturgeber mehrheitlich auf das Manta der Kostenreduktion und Absatzsteigerung einengten. Ambitionierte Frauen entschieden sich dagegen vor dem Hintergrund einer „reflexiven Karriereorientierung“, innerhalb derer arbeits- und lebensweltliche Gestaltungsansprüche (auch ohne Kinder) sehr bewusst gegeneinander abgewogen werden, häufig gegen einen weiteren Aufstieg und für ein Ausweichen auf qualifizierte Fachpositionen. Ähnliche Verhaltensmuster zeigen sich, wenn auch abgeschwächt, bei einem Teil der jüngeren Männer, die eine aktivere Rolle in Freizeit, Partnerschaft und Familie anstreben. Hier zeichnen sich geschlechterübergreifende Interessenkonvergenzen ab, die von arbeitspolitischen Initiativen gegen einen weiteren Verlust sozialer Kohäsion und für einen Pfadwechsel weg vom finanzmarktgetriebenen Kapitalismus aufzunehmen wären.

Schlagworte


Finanzmarktkapitalismus; Geschlechterpolitik; Führungskräfte

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