Stammbeschäftigte und Prekäre: Die Konstruktion von Nichtzugehörigkeit als Verteidigung arbeitsbezogener Normalitätsvorstellungen und Legitimationsressourcen

Stefanie Hürtgen

Abstract


Prekarisierung und Segmentierung von Beschäftigung sind mittlerweile gängige Phäno­mene in Unternehmen und Betrieben. In Bezug auf die subjektive Sichtweise von Stammbeschäftigten mit ›normalen‹ Verträgen und Arbeitsbedingungen auf schlechter gestellte Beschäftigte im eigenen Unternehmen zeigt die jüngere Forschung ein ambivalentes Verhältnis, das von funktionalistischen Sichtweisen (Prekäre als Flexibilitäts- und Kostenressource) bis zu menschlich-mitfühlendem Bedauern reicht. Insgesamt aber gelten Prekäre verbreitet als Nicht-Zugehörige; sie bleiben subjektiv, aus Sicht der Festen, ›draußen‹, stehen oft außerhalb des normalen, m.o.w. kollegialen betrieblichen Miteinan­ders, und zwar weitgehend unabhängig davon, ob man die prekär Beschäftigten mittler­weile gut kennt und lange mit ihnen zusammenarbeitet.

Das Ziel des anvisierten Beitrages ist es, eine bislang wenig beachtete Interpretation für diese verbreitete subjektive Ausgrenzung vorzustellen. Hiernach repräsentieren die schlechter gestellten Beschäftigten im Betrieb weniger eine unmittelbare Gefahr für den Arbeitsplatz der ›Normalbeschäftigten‹, wohl aber eine fundamentale Infragestellung arbeitsbezogener Normalitätsvorstellungen, mit ihrem Herzstück: dem Leistungsprinzip. Die ›hautnah‹ erlebte, massive Unterschreitung von im eigenen Selbstverständnis als normativ normal und also legitimen erachteten Arbeitsbedingungen, Rechten, Entlohnungshöhen usw. unterminiert mit anderen Worten basale Ressourcen der Rechtfertigung dieser im Vergleich zu den Prekären deutlich besseren Arbeitsbedingungen. Prekäre ›zeigen‹ hiernach, dass man dieselbe Arbeit auch unter schlechteren Bedingungen erledigen kann. Damit werden die vergleichsweise besseren Arbeitsbedingungen der Festen als eigentlich (normativ) normale fraglich – sie erscheinen umgekehrt (und das ist es, was die Normalbeschäftigten auch selbst erleben) als unverdientes, fraglich geworde­nes Privileg. Die verbreitet konstatierte subjektive Ausgrenzung der Prekären seitens der ›Normalen‹ kann vor diesem Hintergrund als Abwehr dieser fundamentalen Infragestel­lung normativer Normalitäts- und Rechtfertigungsmuster interpretiert werden: Über das Konstrukt der Nichtzugehörigkeit zur normalen Arbeitswelt und den hier in Anschlag gebrachten Normen soll letztere als die eigentlich gültige, als nach wie vor geltender Referenzrahmen für Beschäftigung verteidigt werden.


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